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Zweites Buch. VI. Die Kirche und die lateinische Litteratur.
unbekannten Orte auf das letzte Gericht warten müsse; ebcnsv darüber, ob bei der dein jüngstenGericht vorhergehenden Auferstehung die wirklichen oder verklärte Leiber die Seele umgebenwerden. Die erste Frage suchte man durch die Annahme des Fegfeners zu lösen; bei derletztem war die materialistische Auffassung die vorherrschende, obschon der heilige Augustinund Enthchius, sowie viele Gelehrte sich der spiritualistischen angenommen hatten.
Ein ganz hervorragendes Verdienst der Geistlichen aber war ihre, die Blütezeit derKlöster weit überdauernde Beschäftigung mit der Litteratur, wozu sie allerdings bei dermangelhaften Bildung der Laien ganz besonders berufen waren. Beruhte auch ihre Gelehr-samkeit hauptsächlich auf der Kenntnis der Kirchenväter, namentlich Hiervnymns, Angnstinnsund Papst Gregor I., sowie der Heiligenlegenden, so waren sie doch in der Mehrzahl so vor-urteilsfrei, das Studium der heidnisch-klassischen Schriftsteller zu dulden, gegen welches sich ausihrem Schoße heraus nur vereinzelte besonders eifrige Stimmen erhuben. Ja viele gingen nochweiter und suchten, besonders auf Reisen in Italien, mit Fleiß nach Handschriften des Alter-tums, die sie dann durch Abschriften vervielfältigten; doch wurden dabei die Dichter denProsaikern vorgezogen. Unter den ersteren waren Vergil und Horaz die geleseiisten, in manchenNonnenklöstern weniger strenger Richtung Ovid, — von den Werken in Prosa aber warendie des Seneca die beliebtesten. Die Griechen kannte man indessen meist nur durch lateinischeÜbersetzungen. Aber auch der weltlichen Personen gab es nicht gar wenige, und zwar selbstunter den Frauen, welche der Sprache Rvms mächtig waren. Die Schulen der bischöflichenStifte kamen, soweit oder seitdem die der Klöster in Verfall geraten waren, dem Bedürfnisseder Bildung freudig entgegen, und ihre Lehrer waren hoch geehrt, so streng auch ihre Zuchtwar. Diesen Schulen fehlte es auch nicht an Bibliotheken; freilich zählten sie höchstenseinige hundert Bünde, wurden aber oft selbst von Königen benutzt.
Das zehnte Jahrhundert wies daher in Deutschland gerade so viel geistige Bildung auf,als in einem von wilden Horden wiederholt heimgesuchten Lande nur immer erwartet werdenkonnte. Der Hof des großen Otto war, wie Rnotger sagt, eine Zufluchtstätte aller tüch-tigen Menschen jener Zeit; es herrschte dort eine so große Weisheit, daß jene, die sich frühergelehrt gedünkt hatten, von dort zurückgekehrt, sich schämten und von neuem zu lernen anfingen.Der Kaiser selbst lernte erst nach dem Tode seiner ersten Gattin lateinisch lesen und zwar soweit, daß er jedes Buch verstand; er sprach es zwar nicht wie seine zweite Gattin, sein Sohnund sein Enkel; dagegen redete er romanisch und slawisch, doch nur selten, und weit lieberdeutsch. „Aus weiter Ferne schaffte er rätselhaftes und wunderbares herbei; - was Geschicht-schreiber, Redner, Dichter und Philosophen neues und großes verkündeten, untersuchte er mitLehrern der betreffenden Sprache aufs genaueste, und wo sich jemand durch schnellen, gewandtenund umfassenden Geist als ein Meister bewährte, da wurde er in Demut sein Schüler." Erwar auch hier wie in allem der würdige Nachfolger Karls des Großen.
Es war unbestreitbar eine große Zeit, die ihre letzten Wellen bis zu unsrer Gegenwartgeworfen hat. Damals war Deutschland die stolzeste Macht; damals schützte es Frankreich undItalien gegen weitere Einfälle barbarischer Völker, deren Angriffe es auf sich selbst nahm undabschlug, und verschaffte so jenen Ländern eine ungestörte höhere Entwickelung; damals erhobensich, nicht zum wenigsten mit deutscher Hilfe, Polen, Ungarn, Dänemark, Norwegen, Schwedenzu Knltnrstaaten. Eine solche Zeit mußte ihre Gelehrten, und zwar auch außerhalb derbereits berücksichtigten Klöster erzeugen, — freilich nur in der Sprache Rvms, welche, zwarnach klassischen Vorbildern, aber in ganz eigenartigem Stile, nvch lange die heimischen Lautezurückdrängte und mit der deutschen Kultur auch nach dem Osten und dem Norden drang, woihre Zeichen die alten Runen mit ihrem heidnischen Zauber verlöschen ließen. In Gold aufPnrpurpergament bei feierlichen Anlässen, sonst schlicht schwarz auf weiß ordneten diese Zeichenurkundlich die Angelegenheiten romanischer, germanischer, slawischer und finnischer Völker:es hatte in seiner Art etwas Großes, daß ganz Enrvpa, soweit es den Glauben Rvms teilte,amtlich in derselben Zunge redete. Darum hielten auch die Männer der Feder an derselbenfest. An ihrer Spitze erblicken wir eine außerordentliche Erscheinung der Zeit, der wirbesondere Aufmerksamkeit schenken müssen. Es ist Gerbert (als Papst Silvester II.),