Neunter Abschnitt
Wissenschaft und Kunst in der Glanzzeit des Kaisertums.
o klang die dichterische Muse der mittelhochdeutschen Zeit in nur wenig erfreulichen Tönen
aus. Während ihrer Blüteperiode hatten sich indessen auch andere Strömungen im geistigenLeben Deutschlands geltend gemacht. Eigentümlich und der Erwähnung inert sind die durchausvon den theologischen Boxstellungen beherrschten „wissenschaftlichen" Ansichten jener Epoche.Allerdings schon seit den Zeiten Bedas, allgemein aber erst später, wurde damals berechnet, dieWelt sei am 18. März und den fünf folgenden Tagen erschaffen worden; es ward dabei an-genommen, der im Anfange der Genesis geschaffene Himmel sei nicht der, an welchem die Gestirne,sondern der, in welchem die Engel sich befinden; das zuerst geschaffene Licht sei ohne Wärmegewesen n. s. w. Die Erschaffung Adams am 23. März, einem Freitag, brachte man in Ver-bindung mit dem Tode Jesu an demselben Wochentage. Das Verweilen Adams im Paradiesewurde auf sechs bis sieben Stunden berechnet, so daß Eva, die in seiner dritten Stunde ent-stand, nur halb so lange das ungetrübte Paradiesesdasein genossen hätte. In ähnlicher, spitz-findiger Weise wurden noch weitere Daten heransgeklügelt. Christus rechnete man seltsamer-weise als den ersten Papst und gab ihm als Dauer seiner „Regierung" gleich sein ganzesLeben, 33 Jahre. Die Seelen der Guten, glaubte man, erscheinen in schöner menschlicher, dieder Schlechten aber, unter welche man auch Päpste zu rechnen keinen Anstand nahm, intierischer Gestalt. Von der Himmelsleiter wurden die Seelen der Schlechten durch Teufelheruntergestürzt. Sowohl gegen die Sünde, gegen die Ketzerei, sowie zu gunsten der päpst-lichen Weltherrschaft wirkte in würdigerer Weise der ganz Deutschland durchwandernde größtedeutsche Bolksredner des Mittclalters, Bruder Berthvld von Regensbnrg, von der Mittedes dreizehnten Jahrhunderts an bis zn seinem Tode (1272).
Solchen Auffassungen gegenüber gab es aber auch freiere Richtungen. Als ein Trägerderselben ragt besonders hervor der Schwabe Albrecht von Bvllstädt, genannt AlbertusMagnus, (geboren um 1200, Bischof von Regensbnrg 1260—02, dann bis zu seinem Tode,1280, Lesemeister der Dominikaner in Köln). Obschon dem ketzerfeindlichen Orden ungehörig,hatte er Ansichten, die er als Geistlicher nicht wohl anssprechen durfte. Er ist es, der dasAnsehen des Aristoteles im Mittelalter begründete und diesen Heiden znm Heiligen derScholastik erhob, deren einziger namhafter Vertreter auf deutscher Erde er war und blieb.Auch die Werke der Araber Jbn Sina (Avicenna) und Jbn Raschd (Averroes) und des JudenMoses ben Maimon machte vorzüglich er in Deutschland bekannt; umsonst aber trat er gegendie Phantome des Aberglaubens auf. Er übte die Chemie und Physik und wagte damit denersten Schritt, wenn auch nur einen schüchternen, zn der spätern Pflege der Naturwissenschaften.Dafür wurde er nach seinem Tode als Zauberer verschrieen.
Über die Sitten und Anschauungen des zwölften Jahrhunderts belehrt uns be-sonders das Werk einer deutschen Nonne, welche sich damals ein ähnliches Verdienst, derNachwelt ein Andenken ihrer Zeit zu hinterlassen, erwarb, wie zwei Jahrhunderte früher Hrotsuit(S. 153 ff.). Es war dies Herrad von LandSperg, seit 1107 Äbtissin des Odilien-