302 Drittes Buch. I. Fürsten und Stände.
Allein dies wargeschehen. Die demo-kratische Richtung hatteim Mittelalter mehrAnhang, als man ge-meinhin glaubt. Fand sie ihre Nahrung doch geradezu in der mäch-tigsten Anstalt jenes Zeitraumes, in der Kirche, zu deren geheiligtemHaupte der geringste Bauerssohn emporsteigen konnte, dem nunder höchste weltliche Herrscher, dessen Vorfahren die glänzendstenKronen getragen, den Steigbügel halten mußte. Die wiederholtenDemütigungen des Reiches durch das Papsttum trugen zur Ver-herrlichung der Monarchie nicht bei. Es war freilich nicht die Ab-sicht der Kirche, der Demokratie auf weltlichem Gebiete die Wege zubahnen, wodurch sie ja ihr eigenes Ansehen untergraben und selbst dasweltliche Volk an ihrer Stelle zur Herrschaft berufen hätte; aber siethat es nichtsdestoweniger wider ihren Willen, wenn ihre Arbeit auchnur langsam Früchte trug. Die Kirche setzte sich gleicherweise überMonarchie und Republik; sie schenkte den Fürsten die Völker undden Völkern die Fürsten; beide lebten nur unter ihrem Schutze,
_ wenigstens nach der Meinung eines Gregor VII., Jnnocenz III. und IV.
und anderer Päpste, und ohne diesen Schutz waren sie dem Bösenverfallen. Ein deutscher Mönch, Manegold von Lauterbach, einglühender Verehrer Gregors, welcher aus Haß gegen Heinrich IV. die Monarchiein den Schmutz zog und völlig revolutionäre Ansichten äußerte, wurde seinerPartei sehr unbequem und von ihr verleugnet. Aber selbst geistliche An-hänger des Kaisers hielten an dem demokratischen Grundsätze fest, daß demVolke die Wahl des Königs freistehe. Die Römer des Mittelalters be-haupteten wiederholt, daß die Wahl des Kaisers ihnen zukomme; als obes ohne die Deutschen überhaupt ein „römisches Reich" gegeben hätte; wo-gegen Friedrich der Rotbart die Kaisergewalt lediglich aus dem Rechte dessen,der Rom besaß, herleitete. Unter Heinrich V. betonte ein Dichter demKaiser gegenüber die Gleichheit der Menschen vor Gott und nannte die höhereStellung des Monarchen nur einen Zufall. Derartige Stimmen wurdenüberall im Abendlande laut, in Deutschland und anderwärts. PhantastischeDichter wie subtile Scholastiker huldigten der Lehre, daß der Staat vomVolke ausgehe, und wahre Vorzüge nur Tugend und Bildung seien, — einerLehre, die endlich vom politischen auf das kirchliche Gebiet überging underst zahllose „Ketzereien", dann aber die Reformation ins Leben rief.
Im vierzehnten Jahrhundert, als sich Ludwig der Baier voneinem römischen Parlamente zum Kaiser wählen ließ und von welt-licher Hand „im Namen des römischen Volkes" gekrönt wurde (1328),war der deutsche Abt Engelbert von Admont bereits so weit ge-langt, die Berechtigung sowohl der kaiserlichen wie der päpstlichenWeltherrschaft zu leugnen und das Recht jeder Nation zur Selbst-regierung zu verfechten. Der Würzburger Domherr Leopold vonBebenbnrg legte sich die Sache so znrecht, daß er die Fiktion aufbrachte, die Kurfürstenwären an die Stelle des „römischen Senates und Volkes" getreten.
Es war die Zeit, in welcher die Stände gegenüber den Fürsten, die Zünfte gegenüber
den Patriziern der Städte an allen Orten emporkamen, in welcher die Bündnisse der Eid-genossen im Alpenlande, der freien Städte in Schwaben, am Rhein und im weiten nordischen
Gebiete der Hansa entstanden. Wir werden sehen, wie diese Richtung im Bauernkriege ihre
Spitze errreichte, um dann in Deutschland wieder rückgängig zu werden.
Initial
mit Darstellung der Investitureines Bischofs durch den Kaiser.Aus dem die Privilegien KaiserHeinrichs VII. enthaltenden Ab-schnitte des Kodex BalduiniTreoirensis (s. S. 295). ErsteHälfte des 14. Jahrhunderts.Kgl. Prov.-Archiv zu Koblenz.(Nach Jrmer, Romsabrt Kaiser-Heinrichs VII.)