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Erster Band.
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452 Drittes Buch. VIII. Schrifttum uud Kunst am Ende des Mittelalters.

Die Brüderschaft der Steinmetzen hatte nicht nur technische, sondern auch moralischeZiele. Es war den Brüdern verboten, verstorbene Meister und ihre Werke zu schmähen, ihreKunst um Geld zu lehren, Streitigkeiten unter sich anders als durch Schiedsrichter zu erledigen;die Meister durften ihre Gesellen nicht einseitig, sondern nur nach Beratung mit anderen Meisternund mit Zustimmung der Mehrzahl ihrer Gesellen entlassen. Regelmäßige Versammlungenhielten Freundschaft und Geselligkeit aufrecht; geheime Erkennungszeichen, feststehende Gruß-formeln und Händedruck besonderer Art wahrten die Unverletzlichkeit der Knnstgeheimnisse. NeueGesellen wurden unter bestimmten Ceremonien, aus denen sich die der Freimauerer entwickelthaben, aufgenommen und auf die Bnndesgesetze verpflichtet; der Aufgenommene konnte überall,

wohin er kam, in der Bauhütte sein Wissenvon der Kunst unentgeltlich erweitern. Jederauch erhielt sein Handzeichen, das die Brüdcran ihren Arbeiten, nebst den Sinnbildern derKunst, Hammer, Zirkel und Winkelmaß, aus-meißelten. Auch denn Trinken hatten sie be-sondere Bundesregeln zu beobachten.

So sehr auch unter den Steinmetzen derchristliche Charakter ihres Bundes und der Kunstaufrecht erhalten wurde, so ist doch seit demvierzehnten und besonders im fünfzehnten Jahr-hundert unter ihnen ein Zug der Oppositiongegen die Hierarchie zu bemerken, der übrigensder gesamten Zeit, namentlich ihrer Litteratureigen war. Dieser Geist fand satirischen Aus-druck in den Kunstwerken und zwar ohne Scheuin Kirchen selbst, durch Darstellungen, wie z. B.Höllensturz des Papstes beim letzten Gericht,die thörichten Jungfrauen mit Bischofsmützenund Kardinalshüten, Prozessionen von Tierenmit Kerzen in den Pfoten; sogar Motive, dieder Anstand zu nennen verbietet, kamen indiesen gegen die Schwächen des Klerus gerich-teten Steinmetzarbeitcn vor. Die Geistlichenließen diesen Satiren merkwürdiger Weise freienLauf; sie betrieben eifrig den Ban der Kirchenund benutzten das Mittel des Ablasses, umBeiträge für die Vollendung ihrer Bauten zusammeln.

Auch die durch die Steinmetzen so sehrvervollkommnete und verbreitete gotische Bau-kunst (S. 274), deren französische Anfängewährend des fünfzehnten Jahrhunderts in Deutschland völlig umgewandelt wurden, strebte augen-scheinlich nach einer neuen Zeit der Geistesbefreiung. Ihre hohen, offenen, der Unendlichkeitentgegenstcigcndeu Türme drückten dieses Streben in erhabener Weise aus. In den Ver-zierungen der Fcnsterbogen und anderer Bauteile fand sich Mannigfaltigkeit und Reichtum derFormen ein; der Künstler suchte sich von dem Zwange der Einförmigkeit zu lösen. Die vor-springenden Pfeiler, die zwischen sie eingebauten Fenster und die in Stein gehauenen Zierratcnließen dem Bilderdienste keinen Raum übrig. Das mystische Helldunkel der Dome begünstigtedie religiöse Vertiefung, die seelische Versenkung in die eigene Innerlichkeit, die persönliche,unbeeinflußte Andacht. Der Spitzbogen selbst ist ein Bild, das „der selbständigen Individualitäteinen Spielraum ihrer Entfaltung gewährt". Alles stimmt zu diesem Charakter des Aufgehensim inneren Seelenleben, des Suchens der Gottheit ohne Störung durch bunte Außencindrücke.

MWW

Das Rathaus zu Münster in Westfalen.

Zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Vorbildlicher Prachtbau für viele ähnliche Bauwerke. In der räum-lichen Anlage ganz dem mittelalterlichen Bürgerhause gleichend;mit der schmalen Giebelseite gegen die Straße stehend.