Band 
Zweiter Band.
Seite
54
JPEG-Download
 

54

Viertes Buch. IV. Die Gegenreformation.

und zwar von dem Erzbischof von Mailand, Karl Borromeo (1538—1584), Neffe Pins' IV.,einem der größten Männer jener Zeit, der in feiner Wirksamkeit selbst die damaligen Päpsteüberragte. In großartiger Weise reinigte er, nicht ohne auf heftigen Widerstand zu stoßen,die Sitten der Geistlichen seiner Diözese und bewies hohe Menschenfreundlichkeit als die Pestin seiner Residenz wütete. Anderen Charakter trug seine kirchenpolitische Thätigkeit in derSchweiz, welche er im Jahre 1570 mit dem Zwecke bereiste, die Lehre Zwinglis auszurotten.Er bewirkte die Sendung des ersten ständigen römischen Nuntius in die Eidgenossenschaft, ver-anlaßte zur Bearbeitung der Vornehmen die Niederlassung der Jesuiten, und zu der Bekehrungdes Volkes, die der Kapuziner in der Schweiz. Ihm zu Ehren stifteten im Jahre 1586 diesieben katholischen Kantone den nach ihm benannten Sonderbund. Einen Rückgang der Refor-mation vermochte derselbe nicht zu bewirken; eines feiner ersten Werke war aber drei Jahrevor dem Ende des Jahrhunderts die Trennung des vorher friedlich lebenden Appenzeller-ländchens in zwei konfessionelle Halbkantone. Die Arbeit des Glaubenshasses gab sich später inzwei, wenn auch nur kurze Wochen dauernden, blutigen Religionskriegen kund, und erst mehrals sechzig Jahre nach dem westfälischen Frieden trat hier die Ruhe ein.

Der Protestantismus hat das Schicksal seiner teilweifen Vernichtung nicht ohne eigeneMitschuld erlitten. Er hatte einen einseitigen und fanatischen Charakter, namentlich in Österreich,angenommen; gehässige Befehdung verschiedener theologischer Ansichten und Sekten trieb in ihmihr Unwesen. Und wo er nicht zu Grunde ging, wie in Norddeutschland und einem kleinenTeile des süddeutschen Gebietes, da ließ er sich nicht etwa durch die Katastrophe in Österreichund Baiern belehren und auf einen besseren Weg führen. Nein, die inneren Streitigkeitendauerten fort. Die Spitze der Erbitterung erstiegen sie, als Calvins Lehre dem Luthertumentgegentrat und nun die beiden Protestantischen Standpunkte das nicht zu Trient bekehrteDeutschland in furchtbarster Weise zersplitterten. Bis dahin war das Luthertum verhältnis-mäßig mild gewesen; der Kampf mit dem Calvinismus und die Erregung der Anhängerdesselben warfen es nun ebenfalls dem Fanatismus in die Arme.

In der reformierten Schweiz hatte der Calvinismus, dessen Begründer zuerst 1534 nachBasel gekommen war und später von Genf aus den größten Einfluß nahm, die aufgeklärteRichtung Zwinglis in der „helvetischen Konfession" aufgesogen. Das Beispiel Calvins, derseinen groß angelegten Charakter durch die Verbrennung Servets (S. 46) und andere blutigeVerfolgungen verdunkelt hat, wirkte in der deutschen Schweiz nach. In Basel wurde derWiedertäufer David Joris, der unter falschem Namen dort gelebt hatte, nach feinem Todeerkannt, ausgegraben und verbrannt; in Bern wurde (1566) der schon von Calvin verfolgteNeapolitaner Valentin Gentilis, ein sogenannter Antitrinitarier wie Servet, „als ein ab-schewlich Monstrum und irremachender Grewel mit dem Schwerte gerichtet und ihm hiemit seingotteslästerlich Haupt abgenommen", wie der Chronist Stettler erzählt. Und so verbreitete sichder Glaubenszwang von der Schweiz nordwärts.

So sehr Deutschland Ursache gehabt hätte, einig zu sein gegenüber der stets drohendenund stets wachsenden Gefahr eines Einbruches der Türken, so wenig dachten die Reichsständedaran ihre konfessionellen Zerwürfnisse aufzugeben. Kein Haß in der Geschichte kam demgleich, welcher Lutheraner und Calvinisten gegen einander erfüllte; harmlos war dagegen ihrHaß gegen den „römischen Antichrist", den Papst; unbedeutend der zwischen den Protestantenim allgemeinen und den Katholiken bestehende Gegensatz. Kurfürst Friedrich III. der„Fromme" von der Pfalz glaubte im Jahre 1563 diejenige Richtung als die bessere erkanntzu haben, welche in Wahrheit vorwiegend die calvinische war. Er gab dies zwar nicht zuund behauptete lutherisch zu bleiben, ließ aber Altäre und Bilder aus den Kirchen hinaus-schaffen, befestigte den calvinischen Charakter der Religionslehre durch Einführung des Heidel-berger Katechismus, diesen religiösen Kodex der „Reformierten" aller Länder, und verteidigtesie tapfer gegen alle Anfeindungen der Katholiken und einseitigen Lutheraner. Auch unter-unterstützte er die französischen Hugenotten und die aufständischen Niederländer. Auf deranderen Seite war er aber auch unduldsam. Er zwang seine Unterthanen, seinem religiösenBeispiele zu folgen. Die Unfügsamen vertrieb er. In Heidelberg' berief er ein Ketzergericht