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Zweiter Band.
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134 Viertes Buch. VIII. Wissenschaft und Litteratur am Ende des 16. Jahrhunderts.

sich in fünf Grade: Schüler, Schulfreunde, Singer, Dichter und Meister. Ihre Sangweisentrugen höchst komische Namen, z. B. die überkurz Abendrötweis, die Hageblütenweis, die fetteDachsweis, die geblümte Paradiesweis. Neues, Originales wurde nicht geschaffen; aber derMeistergesang hatte dennoch feine guten Seiten. Konnte doch der deutsche Handwerker, wenner die Woche hindurch gearbeitet und am Samstag Abend sein Schurzfell abgelegt hatte, amRuhetage mit seinem reichen Mitbürger gleichberechtigt in der Gesellschaft der „Liebhaber desdeutschen Meistergesanges" zusammentreten, die Alltäglichkeit abstreifen und sich als Sängerfühlen! Die Gesänge waren früher meist geistlichen Inhalts, der an Verschrobenheit und inder Sucht, unlösbare Fragen zu beantworten, mit den Scholastikern des Mittelalters wetteiferte,sich auch besonders im Lobe der Jungfrau Maria und im Reiche der Legenden gefiel. Dieneueren Meistersinger aber verfielen teilweise in das Gegenteil, in wüste, rohe und gemeineBänkelsängerei; Hans Foltz (I. S. 444) stand an der Spitze dieser Schule. Darin trat nachder Reformation ein Umschwung ein; die Gesänge nahmen nun einen vorwiegend religiösenCharakter an, indem man ihre Stoffe teils aus der Bibel, teils aus anderen kirchlichen Ver-hältnissen oder moralischen Lehren schöpfte. Der Text war indessen Nebensache; vor allem kames darauf an, neue Tonweisen zu erfinden; kein Meister durfte sich anmaßen, in den „Ton"eines anderen einzugreifen. Hans Sachs erfand ihrer dreizehn. Ein Bar (Gedicht) bestandkunstvoll aus Stollen, Gegenstollen und Abgesang. Die Tabulatur regelte die äußere Formund zahlreiche Strafandrohungen standen auf den geringsten Verstößen gegen ihre strengen Vor-schriften. Silberne Ketten und Kränze aus seidenen Blumen empfingen die Sieger im Wett-kampfe der Festschule. So geschmückt schritten sie an der Spitze des Sängerzuges, welcher ausder Kirche seinen Weg nach der Schenke nahm, zu fröhlichem Gelage, gewürzt durch lustigeLieder, wobei aber wieder bestimmte Regeln zu beobachten waren.

Die Verbreitung des Meistergesangs beschränkte sich vorwiegend auf das südwestlicheDeutschland; nach Norden und Osten reichte sie nicht weit. Zur Zeit des Hans Sachs warNürnberg ein Hauptort des Meistergesangs. Der dichterische Schuster brachte denselben zugrößerer Blüte; an ein Vierteltausend Meister scharte sich um ihn; er dichtete mehrere Hunderteund sammelte mehrere Tausende von Gesängen. Seine Schüler Georg Hager und AdamPuschmann aus Görlitz, der Schuhmacher in Breslau war (si 1600), folgten seinem Beispiele;neue Stoffe von eigener oft dichterischer Erfindung, sowie aus der weltlichen Geschichte, der Sageund dem Leben entlehnte Motive führten sie in den Meistergesang ein und behandelten diebiblische Geschichte mit mehr Geschmack, als ihre Vorgänger. Puschmann verfaßte sogar eineGeschichte des Meistergesangs und schlug vor, eine gemeinsame Tabulatur für denselben auszu-stellen. Aus allen diesen Bestrebungen entwickelte sich nach und nach die neuere deutsche Vers-kunst, durch welche aber auch der allmählich in Verfall geratende Meistergesang verdrängt wurde.

Hans Sachs in vielem ähnlich war der evangelische Prediger Bartholomäus Ringwaltaus Frankfurt an der Oder (1530 bis um 1599), welcher in frischer Sprache und mitunabhängiger Gesinnung geistliche Lieder und lehrhafte Werke schrieb, darunter den „TreuenEckart", in dem er alle Stände seiner Zeit nach den Lastern, denen sie sich ergaben, in derHölle büßen ließ (S. 85).

Die urgemütliche, das deutsche Bürgerhaus in seinem Familienglücke zeichnende Dichtungdes Nürnberger Schusters bekam indessen gegen das Ende des Jahrhunderts hin eine ihreHarmlosigkeit arg störende Nebenbuhlerin in der bereits angedeuteten „grobianischen" Litteratur.Dieser höchsten Übertreibung des derben Tones und Wesens, der seit Ansang des Jahrhundertsbereits üblich und beliebt, zur herrschenden Unmäßigkeit und Ausschweifung trefflich paßte,gab den bezeichnenden Namen das lateinische Gedicht „Grobianus" von Friedrich Dedekind,welches um 1550 erschien. Dasselbe geht in satirischer Weise von der aus Beobachtung desmenschlichen Handelns und Gebarens geschöpften Regel aus, daß die Menschen niemals dasGebotene, sondern stets nur das Verbotene thun; daher lehrt denn der Dichter in einer überalle Begriffe groben Sprache, wie man sich höchst unanständig aufführen solle: in der Absicht,hierdurch das Gegenteil zu bewirken. Diese Manier fand Nachahmer in Menge, teils in gleichfallsironischer, teils in ernstgemeinter Weise. Ihre Reihe eröffnete Kaspar Scheid aus Worms,