102 Viertes Buch. IX. Das dreißigjährige Kriegselend.
„Sobald ein Soldat wird geboren,
sind ihm drei Bauern auserkoren,
der erste, der ihn ernährt,
der andre, der ihm ein schön Weib beschert,
der dritte, der für ihn zur Hölle fährt."
Aber auch den Städten ging es nicht viel besser, wie den Dörfern. Es giebt nur wenigebefestigte Orte in Deutschland, die während der dreißig Kriegsjahre nicht ein oder mehrereMale belagert und erobert worden sind, wobei Brandschatzungen, Plünderungen, Brand undMord blutig wüteten. Das furchtbarste Schicksal hat wohl Magdeburg bei seiner Eroberung(1631) erlitten; die scheußlichsten Mord-, Raub- und Schandthaten verübten die Belagerungs-truppen in der niederbrennenden Stadt, wonach ihr Haupt Tilly der „glorreichen Victoria"frohlockend sich rühmte. Unter dem nämlichen Heerführer wurde schon im Jahre 1622 daseroberte Heidelberg durch die entsetzlichsten Barbarenthaten geschändet und die Blüte seinerHochschule gebrochen; Herzog Maximilian von Baiern bewies bei diesem Anlasse seine Bildungund sein Deutschtum dadurch, daß er die dortige Universitätsbibliothek dem Papste schenkte!So oder ähnlich überall: in Kempten an der Jller, das 1633 erstürmt wurde, machten diesiegenden Österreicher und Baiern alle Leute, die sie in den Straßen antrafen oder in ihrenVerstecken auffanden, nieder; plünderten alle Wohnungen rein aus, zerschlugen alles was nichtmitzunehmen war, und verbrannten viele Häuser; den Bürgermeister Jenisch, bei dem die Siegerbewirtet wurden, ermordeten sie, während er ihnen seine Kasten öffnete, mit Beilhieben; ebensoden vierundsiebzigjährigen Stadtamtmann und einen greisen Prediger; an Frauen und sogaran Kindern verübten die Unmenschen brutale Greuel in Gegenwart ihrer Männer und Vater,die dann ebenso wie jene Opfer niedergemetzelt wurden. Der materielle Schaden, den dieStadt dabei erlitt, belief sich auf vier Tonnen Goldes (S. 79).
Auf der anderen Seite verfuhren protestantische Heerführer nicht besser; freilich hatten sienur selten Gelegenheit, Städte einzunehmen. So versprach der Abenteurer Mansfeld in derPfalz den wüsten Banden, die unter seiner Fahne wie wilde Tiere verheerend hausten, sie aufeine „gute Weide" zu führen; nur brennen und totschlagen verbot er ihnen, und wie er infrivolem Hohn beifügte, heiße Eisen und Mühlsteine mitzunehmen. Das räuberische Treibender Schweden zeichnet der Vers:
„Die Schweden sind kommen
mit Pfeiffer und Trommen, Hank d' Fenster 'naus g'schlagen, haut Kugeln draus gössen
hant alles mit g'nommen, hant's Bley darvon g'nommen, und d' Bauern erschossen."
Gefangene im dreißigjährigen Kriege vor dem Sieger.
Faksimile aus einem Kupferstich im ^Leatrum Luroxaeum: Eroberung von Barchen durch Kurfürst Friedrich von Sachsen-Altenburg
im September 1620.