Die evangelischen Dichter. Die Schäferdichtung. Der Schwulst. 259
Während Opitz und seine Nachfolger die Franzosen des sechzehnten Jahrhunderts nach-ahmten, die geistlichen Dichter aber sich auf die einfache Quelle der Bibel beschränkten, nebender die Katholiken noch die Legenden benutzten, griff eine dritte Gruppe von Poeten wiederweiter, nach allen romanischen Litteraturen und zugleich nach den Schauer- und Spektakel-stücken der „englischen Komödianten" (S. 140). Daraus bildeten sich wieder zwei, sehr weitauseinander strebende Richtungen: auf der einen Seite die bereits angedeutete, auch die katho-lischen Liedersänger beeinflussende Schäferdichtung und auf der anderen das Wühlen im Gräß-lichen. Beide Richtungen wurden durch das, was man seitdem „Schwulst" (Bombast) nannte,verbunden.
Die Schäferdichtung wurde zu einer das ganze westliche Europa ergreifenden Geistes-krankheit. Ihr Ursprung ist dem Neapolitaner Giambattista Marino zu verdanken, welcher, nachParis eingeladen, dieselbe auch in Frankreich verbreitete. Hier wurde sein gelehrigster SchülerHonore d'Urfe (1567—1625), aus dessen damals gefeiertem Roman „tlstrss" nur der Nameseines Helden Seladon als sprichwörtliche Bezeichnung eines schmachtenden Liebhabers unsterb-lich geworden, der Rest aber der Vergessenheit anheimgefallen ist. Es war eine Geschmacks-verirrung, eine auf falscher Einbildung beruhende Zeitmode, daß Herren und Damen der Höfeund Salons sich als Hirten und Hirtinnen verkleideten: verweichlicht, süßlich idealisiert, nichtso wie die derben Schäfermädchen und rauhen Hirten in Wirklichkeit sind. In Deutschland ver-traten diese Richtung die Mitglieder der bereits genannten Gesellschaft der Pegnitz-Schäfer unterder Führung des auch als Sprachreiniger hervorragenden Sigmund von Birken, wie er seinenhumanistischen Namen Betülius verdeutscht hatte (S. 169). Doch schauten diese deutschenSchäfer nicht, wie die italienischen und französischen, ihre Phantasiewelt als echte Natur an;sie legten ihr vielmehr eine allegorische Bedeutung unter. Schon Opitz, Fleming und Gryphiushatten dieser Richtung gehuldigt; der Verfasser des „Buches von der deutschen Poeterey" aberhatte die Scenerie seiner schlesischen Heimat und Gryphius deren Volksleben feinen Dar-stellungen zu Grunde gelegt.
Der damals hervorragendste, jetzt aber vergessene deutsche Schäferroman kam dem wirk-lichen Leben nahe; er war von Philipp von Zesen (1619—1689), der in Hamburg 1643die „Teutschgesinnte Gesellschaft" gegründet hatte, verfaßt und „Adriatische Rosamund" (1645)betitelt; er behandelt die Geschichte einer Dame, welche durch die damaligen Schwierigkeiteneiner gemischten Ehe tragisch endet. Damit war auch das kurze Leben der deutschen Schäfereiabgeschlossen.
Nach dem Frieden kam an ihrer Stelle, der bereits angedeutete ernstere Schwulst auf,welchen das hochtrabende Spanien bezeichnenderweise „oultismo", den gebildeten Stil, nannte.Seine Schöpfer sind der Genuese Gasparo Murtola, Marinos Todfeind, der spanische Hof-kaplan Luis de Gongora und ein unbedeutender und deshalb verschollener ZeitgenosseShakespeares John Lilly, dessen Roman „Euphues" dieser Richtung in England den Namengab. In Deutschland pflegte diesen ungesunden Geschmack, der sich teils in das wollüstig-sinnliche, teils in das blutig-grauenhafte Element auflöste, die sogenannte zweite schlesischeSchule. Die Liebe heißt z. B. bei diesen Dichtern „die Mutter süßer Lust", „die Schwesterzarter Herzen", „das Kind der heißen Brunst"; die Augen nennen sie „eine Werkstatt derLiebe", „ein Brunnen, aus dem Öl der Gunst und Anmut quillt"; der Mund ist ihnen ein„rotes Meer" oder ein „Liebesköcher"; die Rosen „die Sonnen grüner Felder"; die Sterne„bleiche Buhler schwarzer Zeit". Die Koryphäen dieser Schule waren Christian Hoffmannvon Hoffmannswaldau (1618—1679) und Daniel Kaspar von Lohenstein (1635—1683),beide kaiserliche Räte in Breslau. In der Lyrik ist ihre Lieblingsform der versifizierte Brief-wechsel zwischen berühmten Männern und Frauen, die sogenannte Heroide, in der Hoffmanndurch eine vorwiegend frivole, Lohenstein durch eine mehr bombastische Manier absichtlich zuglänzen sucht, die aber beide aller Natürlichkeit bar sind.
Mehr als die Lyrik wurde jedoch von dieser Schule der Roman angebaut, und zwarder Helden- und Liebesroman, der seitdem den Schäferroman verdrängte. Den Reigeneröffnete ein lutherischer Geistlicher in Braunschweig, Heinrich Bucholtz (1607—1671), mit
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