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Zweiter Band.
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Die Pietisten. Zinzendorf.

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darüber. In ihren Schriften und Briefen wurden sie phrasenhaft, himmelnd und bombastisch.Abergläubisches Orakelsuchen durch Öffnen der Bibel oder des Gesangbuches aufs Geratewohl,wobei man mitunter die Stelle, auf die der Daumen zu liegen kam, was man „däumeln"nannte, als entscheidend betrachtete, griff unter ihnen Platz. Bald verkehrten die Frommennur noch mit Gott, mit dem jeder auf vertrautem Fuß zu stehen meinte, oder sie kämpften mitdem Teufel und machten sich durch sonderbare Gebärden und Ausrufungen öffentlich bemerkbar,so daß Ausdrücke, die ihnen eigentümlich waren, wie vom „Durchbruch der Gnade", zumGespötts wurden.

Dann tauchten unter den Pietisten Personen auf, welche nur geeignet waren, ihre Sacheüberall in Mißkredit zu bringen. Ein Doktor Petersen, der Superintendent in Lüneburgwar, und seine Frau Eleonore vertieften sich bis zu öffentlichem Ärgernis in die Apokalypseund in die Herrlichkeit des erhofften tausendjährigen Reiches der Frommen. Als er im Jahre1692 wegen seiner „Irrlehren" seines Amtes entsetzt wurde, stifteten sie eine „geistliche Ver-einigung", welche sich nur mit Visionen und toller Schwärmerei befaßte. Der AbenteurerJohann Konrad Dippel (1673—1734) führte ein Vagantenleben als Pietist, Astrolog, Al-chemist und Chiromant und schrieb Schmähschriften gegen die Orthodoxen. Das Schlimmsteaber geschah in dem Konventikel, wie die geheimen Pietistenversammlungen genannt werden,des Justus Winter und der Eva von Buttler, welche in den hessischen Landen seit etwa1700 unter kommunistischen Formen mit mehreren Genossen und Genossinnen die Religion zudem sittenlosesten Treiben mißbrauchten. Als sie sich bei den Protestanten unmöglich gemachthatten, traten sie zur katholischen Kirche über, wurden endlich aber verhaftet und teilweise bestraft.

Rein steht dagegen die Brüdergemeinde da, welche von dem Grafen Nikolaus Ludwigvon Zinzendorf (1700—1760), dessen Vater ein Freund Speners war, gestiftet wordenund gewöhnlich als Sekte der Herrnhuter bezeichnet wird. Der Graf, in den StiftungenAugust Hermann Franckes erzogen, war ein edler Menschenfreund, redlich, streng sittlich undwohlthätig, aber bis zur krankhaften Übertreibung in religiöser Schwärmerei befangen. SeineGemeinde bildete er aus vertriebenen „mährischen Brüdern" (Husiten) auf seinem Gute Berthels-dorf in der Oberlausitz. Seinem Fürsten erschienen Zinzendorfs Bestrebungen eine Zeit lang sogefährlich, daß er von 1736—1748 aus dem Lande verwiesen wurde. Zweimal reiste er alsApostel nach Amerika und predigte vor Negern und Indianern, während ihn die Pastoren derKirchen verfolgten. Auf seinen vielen Reisen fand er in Holland und England bedeutendenAnhang; aus Livland aber wurde er von der russischen Regierung unter militärischer Be-gleitung über die Grenze zurückgeführt. Bon dem ernsten Eifer des Begründers der Brüder-gemeinde fielen jedoch seine Anhänger ab; in ihren wahnwitzigen Liedern kokettierten sie förm-lich mit dem Blute und den Wunden Jesu, wozu Zinzendorf freilich selbst Anlaß geboten undwomit sie anfangs auch ihn bethört hatten. Später sahen die Herrnhuter die Verderblichkeitihres Treibens ein und wurden eine höchst ehrbare, brüderlich fühlende und handelnde Glaubens-samilie, welche noch heute sowohl in ihrem Vaterlande, als in ihren Missionen in Grönland,Westindien und Afrika erfolgreich besteht. Sie hat wenigstens die Aufgabe gelost, christlicheFrömmigkeit ohne vorgeschriebenes Glaubenssystem zu pflegen.

Eine Reform des geistigen Lebens im Sinne der Gedankenfreiheit durch den Pietismuswar unmöglich. Sie mußte an dem engen Horizonte des letzteren, der sich nicht über die reli-giösen Interessen hinaus erstreckte, scheitern. Der richtige Weg zu einer Neugestaltung desim großen Kriege und durch seine Folgen so tief geschädigten deutschen Volkstums konnte nurdurch die an keine dogmatischen Ansichten gebundene Schule führen. Eine ungeheure Kluftgähnte in Hinsicht der Bildung zwischen den Gelehrten und dem Volke; es fehlte vollständigan einem geistigen Mittelstände. Der dreißigjährige Krieg hatte vielen überflüssigen Latein-schulen ein Ende gemacht (S. 172). Aus den deutschen Schulen, die nach dem Frieden alsein dringenderes Bedürfnis an Stelle jener traten, entwickelte sich die neuere Volksschule.Wenige Fürsten haben sich um ihre Gründung, wie zugleich um die Reform der Gelehrtenschuleso große Verdienste erworben wie Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha (regierte1641—1675), welcher im Jahre 1656 die Realfächer und den deutschen Sprachunterricht in

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