278 Fünftes Buch. V. Das Ringen der deutschen Kultur nach Unabhängigkeit.
Verfolgungssucht der Jesuiten und die sehr mangelhaften Ergebnisse ihrer Lehranstalten auf, indenen wesentlich nur Fertigkeit im Lateinischen betrieben wurde, Deutsch und Griechisch aberverbannt waren. Auch die wieder zur Feder greifenden reichen Benediktiner und die volks-tümlichen, im Jahre 1621 als Orden bestätigten „Väter der frommen Schulen", die Pianisten,welche deutsche Sprache, Geographie und Geschichte in ihren Schulen lehrten, machten ihnendas Gebiet streitig — und gegen die Anstalten der Jesuiten wurden auf kaiserlichen BefehlUntersuchungen angehoben.
Ehe es aber so weit kam, erzeugte Österreich einen Reformator des Schulwesens, einender in moralischer und pädagogischer Hinsicht größten Männer. Zwar ein Slawe, ist AmosKomenski, geboren 1592 zu Komnia in Mähren, als lateinischer Schriftsteller Comenius dochvon großem Einflüsse aus Deutschland geworden. Als Prediger der „böhmischen Bruder" (S. 273)wurde er im dreißigjährigen Kriege durch die traurigsten Schicksale betroffen; spanische Kriegs-scharen des Kaisers beraubten ihn seiner Handschriften, seiner Frau und Kinder; und endlichwurde er mit dreißig Tausend Familien seiner Glaubensgenossen aus dem Vaterlande vertrieben.Er wirkte im damals polnischen Lissa als Sprachlehrer und Bischof seiner Gemeinde. Späterwurde er nach England, Schweden und Ungarn als pädagogische Autorität berufen, kam dannabermals nach Lissa, von wo er 1657 wieder vor den Polen nach Deutschland flüchten mußte.Schließlich ging er nach Holland, wo er im Jahre 1671 starb. Nach der Lehre des Comeniussind die Menschen Ebenbilder Gottes, von Natur gut und durch den sogenannten Sündensallihrer guten Eigenschaften nicht beraubt; sie streben daher nach Wissen und sind des Unterrichtsbedürftig. Comenius verlangte, daß die Erziehung bereits vor der Geburt beginne; er gabdie erste Anleitung über das Verhalten der werdenden Mutter zum Besten des Kindes, dessenLehrerin die Mutter bis zum sechsten Jahre sein und ihm durch Benennung aller Gegenständeund Erinnerungen an Thatsachen die Grundlagen zur Wissenschaft einpflanzen sollte. Comeniusselbst verfaßte einen „Orkus xietns" für das Bedürfnis der Kinder, — das erste Bilderbuch,welches 1657 in Nürnberg erschien, worin, freilich noch in ungeschickter Weise, alles abgebildetist: sogar die Seele als schattenloses Abbild des Körpers. Dann hatte das Kind bis zumzwölften Jahre die in der Muttersprache unterrichtende Schule zu besuchen, worauf bis zumachtzehnten die lateinische, bis zum vicrundzwanzigsten die Akademie (Universität) folgte: derUnterricht in den Sprachen sollte von dem in den Realfächern stets begleitet sein. Comenius'Sprachbuch „llanna UnKnarnm" wurde in zwölf europäische und vier asiatische Sprachen über-setzt. Die moralische Erziehung sollte stets dem Unterrichte zur Seite gehen; zur Reinlichkeit,Wahrheitsliebe, Mäßigkeit und anderen Tugenden sollten die Kinder angehalten, und nicht nurnach Büchern, sondern auch nach lebendiger Betrachtung von Himmel und Erde, Pflanzen undTieren sollte unterrichtet werden. Freilich verirrte sich Comenius auch in pädagogische Utopienund in politische Prophezeiungen, in denen er den Untergang des Papstes und des Kaisers,welche er als die Feinde des Fortschrittes betrachtete, und die Vereinigung aller Völker zueiner Weltschule verkündete. Aber das trat zurück und wurde wieder gut gemacht durch seinfür alle Zeiten so bedeutsames Wirken: er war der erste, der, losgelöst von konfessioneller Ein-seitigkeit, so tief religiös auch sein Standpunkt stets blieb, die Grundsätze der allgemeinenDuldung und praktischen Menschenliebe predigte, wie sie später bei den Gebildeten herrschendgeworden sind. Man kann ihn mit Recht den Begründer der modernen Pädagogik für alleLänder Europas und ihre Kolonien nennen.
Alle diese Bestrebungen auf philosophischem, theologischem und pädagogischem Gebietewaren ziemlich zersplittert und vielfach unklar. Indes sie lagen tief im Geiste des deutschenVolkes begründet, der sich, nach seiner furchtbaren Niederbengung durch den großen Krieg,langsam, aber mächtig wieder erhob. Es ist auffallend, wie sich gerade seit dem Anfange desachtzehnten Jahrhunderts auf allen Gebieten des Lebens ein Aufschwung zu besseren Zuständenbemerkbar machte. Keine bloße chronologische Neuerung war es, als vom 1. Januar 1701an die Protestanten Deutschlands ihre Bedenken gegen den Gregorianischen Kalender aufgabenund sich in der Zeitrechnung ihren katholischen Landsleuten und Mitchristen anschlössen; es warvielmehr ein Zeichen zunehmender Duldsamkeit und ein würdiger Anfang des Jahrhunderts,