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Zweiter Band.
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Fünftes Buch. VII. Der alte Fritz.

die Kartoffel eingeführt, die Gemeindetriften und Weiden unter die Stellenbefitzer verteilt." DieSteuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit hob der König auf und zeigte zugleich seinenneuen Unterthanen soviel Vertrauen, daß er in jedem der drei Oberämter, in welche er dieProvinz einteilte, alle Regierungsstellen bis auf eine an geborene Schlesier vergab. Dasstramme preußische Militärwesen und die Rekrutenaushebung gefielen der Bevölkerung amwenigsten, schließlich mußte sie sich daran gewöhnen.

Nachdem Schlesien gesichert und der heiße Kampf ausgesuchten war, in welchem es sichfür Österreich um die bedeutsamsten Fragen seiner Existenz handelte, nachdem der kurze Kaiser-traum Karl (VII.) Albrechts von Baiern verweht war und in Wien Lothringen die Erb-schaft Habsburgs angetreten hatte (1745), ging Friedrich der Große an sein Friedenswerk.Der Verbesserung der im argen liegenden Rechtspflege wandte er seine erste Sorge zu. Samuelvon Cocceji, ein Schüler von Grotius und Pufendorf, war das Organ dieser Arbeit. Erwirkte Wunder im Ausfegen des Augiasstalles der Gerichte und ihrer Aktengebirge: in Pommernallein wurden in wenig mehr als einem Jahre 2400 alte und 540 neue Prozesse erledigt.Dann schuf er die neue Kammergerichtsordnung, den Ooäsx Ill'iäsricnLuus; wenn auch in einemplumpen, ungehobelten, von Fremdwörtern wimmelnden Deutsch verfaßt, wie es der Königselbst schrieb, so war es doch ein Gesetzeswerk von bis dahin unerhörter Klarheit und Zweck-mäßigkeit, welches an die Stelle der Kabinettsjustiz den Rechtsstaat setzte.

Mit Vorliebe widmete sich der König der Geschichte seiner Zeit und seines Hauses; erbeschrieb seine eigenen Kriege und die Thaten seiner nächsten Vorfahren; durch Gelehrte undBeamte ließ er Spezialgeschichten über die Entwickelung der Kulturzweige seiner Staaten aus-arbeiten. Friedrich selbst schrieb genau um die Mitte des Jahrhunderts eine Abhandlung„von den Sitten, den Gebräuchen, dem Gewerbfleiß, den Fortschritten des Menschcngeistesin den Künsten und Wissenschaften" und zeigte sich darin als der erste Deutsche, welcher eineWissenschaft der Kulturgeschichte ahnte. Diese Gegenstände der Forschung nannte er, derStaatsmann und Feldherr, in seltener Unbefangenheit: „obgleich weniger glänzend, doch nichtminder wertvoll als die Kriegs- und Regierungs-Angelegenheiten und die der Religion." Erfand, daß ein unwandelbares Naturgesetz die Art des Bildungsganges der Völker bestimme; injeder Nation erblickte er einen unveränderlichen Charakter. Er durchschaute die Ursachen, dieBedeutung und die Folgen der Reformation, auch für die Katholiken, welche seit diesem Ereignissich wieder den Wissenschaften und der Moral zuwandten; die geschichtliche Duldsamkeit derHohenzollern gegen jedes die Gesetze achtende Glaubensbekenntnis verherrlichte der König ebensowie die Vorteile, welche seinem Lande die Aufnahme der vertriebenen Hugenotten brachte, indemsie ihm die vorher fehlende Industrie schenkten.

In demselben Jahre, 1750, berief Friedrich auch den Mann zu sich, der als Philosophin des Königs Seele den Deutschen Wolf verdrängt hatte; als Fürst der französischen Auf-klärer sollte er dem französierenden Preußentume die letzte Feile geben; er fand zu seinerFreude an der Spree eine Gesellschaft, die, umgeben von „deutscher Roheit", seinem Vater-lande in Sprache und Sitte huldigte. Voltaire berührte sich mit dem König in dessenNeigung zur kulturhistorischen Spekulation; aber er kam der Gerechtigkeit des Standpunktesseines Gönners nicht nahe, denn er wußte die gesamte Geschichte nur nach dem Maße derfranzösischen Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts zu schätzen. Die Aufnahme, welche demfrivolen und doch für Humanität rastlos thätigen Rationalisten in Sanssouci zu teil wurde,war derart, daß er nicht Worte genug fand, den preußischen Hof zu erheben und Frankreich,wo er rastlos verfolgt worden war, herunterzusetzen. Er hatte alle Ursache dazu; denn nie-mand konnte bequemer und angenehmer leben, als Voltaire mit seinem Gehalte von zwanzig-tausend Thalern und seinem Kammerherrnschlüssel in Potsdam und Berlin lebte. Aber seineStreitsucht und Habgier machten dem schönen Verhältnis ein Ende. Schmutzige Wuchergeschäftestellten ihn derartig bloß, daß der König ihm derbe Briefe schreiben und Voltaire sich de-mütigen mußte. Um ihn sammelte sich eine „französische Kolonie", welche aber anders geartetwar als die der Hugenotten — eine Gesellschaft der Frivolen, die nichts Besseres zu thunwußten, als sich zu zanken und einander bei dem König, wie diesen unter sich und bei der