ZZg Fünftes Buch. VIII. Die große Kaiserin und ihr Sohn.
des Widerspruches von Ministern ungeachtet, Schutzzöllner, und zwar in solchem Grade, daß ereinst eingeführte Uhren im Werte von mehreren tausend Gulden zerschlagen ließ und fremdeWeine dem Krankenhause schenkte. Dagegen hob er im Jahre 1775 alle zwischen den einzelnenKronländern bestehenden Zolllinien, mit Ausnahme jener gegen Ungarn, auf.
Das Verhältnis Josefs zu seiner dem Fortschritte abgeneigten Mutter war ein wechsel-seitiges Nachgeben und Grollen. Auch über die Art und Weise der Verbesserung des Losesder noch großenteils in Leibeigenschaft gehaltenen Bauern konnten sie nicht einig werden. DerDruck, unter welchem dieser mit Ausnahme einiger deutschen Gegenden noch durchweg leibeigeneStand seufzte, blieb daher ungemildert und rief im Jahre 1775 in Böhmen einen mit ver-brecherischen Ausschreitungen verbundenen Bauernaufstand hervor, der mit Gewalt unterdrücktwurde. Endlich kam es zu einer gesetzlichen Herabminderung der Roboten (Frondienste); dochauch aus eigenem Antriebe verbesserten viele österreichische Edelleute das Los ihrer Bauern.Josef II. bereiste sowohl das ganze Gebiet seiner Hausmacht, um sich über die Bedürfnisseder Bevölkerung zu unterrichten, als auch die Nachbarländer, um ihre Zustände kennen zulernen und politische Angelegenheiten zu ordnen.
In kirchlicher Beziehung gähnte zwischen beiden Regenten ein tiefer Abgrund; dieMutter entsetzte sich über das Streben des Sohnes nach Herstellung der Glaubensfreiheit,wurde aber doch in ihren älteren Tagen milder gesinnt.
So fromm Maria Theresia war, so wenig sie von Duldung Andersgläubiger wissenwollte, so weit sie der Geistlichkeit entgegenkam, — so wenig war sie geneigt, den Staat derKirche unterzuordnen. Die klerikalen Tendenzen der Ferdinande und Leopolds I. hatten not-wendig ein hierarchisches Streben hervorrufen müssen; unter Josef I. hatte es begonnen undschon seit 1733 wurde es in Innsbruck und seit 1749 in Wien von dem Professor der RechtePaul Josef Riegger vertreten, dessen Schüler noch weiter gingen. Außerhalb ihres Kreiseswurde diese Richtung durch den Weihbischof von Trier, Nikolaus von Hontheim, unter demNamen „Justinus Febronius" in dem lateinischen Buche „von dem gegenwärtigen Zustande derKirche uüd der gesetzlichen Gewalt des römischen Papstes" (1765) in ein System gebracht. DerVerfasser (f 1790) wurde zum Widerrufe gezwungen, nahm diesen aber später wieder zurück.
Maria Theresia fand, die Kirche sei reich genug, wende ihr Vermögen „leider nicht soan, wie sie sollte, und bedrücke nebenbei das Publikum sehr, was einer großen Remedur nocherfordern werde, die mit Zuziehung von Weltlichen vorzunehmen und dabei zu bedenken seinwürde, was dem Gemeinbesten, nicht aber was den Geistlichen, Mönchen und Klöstern zumNutzen gereicht". Sie veranlaßte daher Untersuchungen über die Unregelmäßigkeiten in derVerwaltung der Kirchengüter, beseitigte den Einfluß des Nuntius und der Jesuiten, ordnetedie geistlichen Gebühren. Die äußerlichen Kirchenbußen, so das übliche Kreuzschleppen aufoffener Straße (s. Bild S. 327), die Exkommunikationen ohne Zustimmung der Regierung, dieStiftungen für Altäre und ewige Lampen verbot die Kaiserin; die Prozessionen und andereCeremonien, die Wallfahrten und Bruderschaften, die Feiertage und das kirchliche Asylrechtschränkte sie ein; die geistliche Gerichtsbarkeit über Laien schaffte sie ab und unterwarf denKlerus den Steuern. Das Klosterwesen wurde durch staatliche Vorschriften geregelt, die Kloster-kerker aufgehoben; der Novizenaufnahme und dem Güterbesitz der Klöster wurden engere Grenzengezogen, die Errichtung neuer Anstalten dieser Art untersagt. Allen kirchlichen Gebräuchen,welche Übertreibungen enthielten oder von abergläubischem Charakter waren, wurde, und dieszwar auf das Verlangen von Bischöfen, zu Leibe gegangen, aber meist ohne Erfolg, wie dennauch die Päpste durchaus nicht in allen Fragen sich dem Vorgehen Österreichs fügten.
Clemens XIV. war jedoch nachgiebiger als sein Vorgänger; unter ihm kam der langeangesammelte Groll der ganzen katholischen Welt gegen die Jesuiten zum Ausbruche. Schonunter dem letzten Habsburger hatte in Österreich, wo die Gesellschaft Jesu Güter im Wertevon über fünfzehn Millionen Gulden besaß, die Opposition gegen dieselbe sich zu regen be-gonnen (S. 277 f.). Die übrigen Orden und die Weltgeistlichkeit waren ihr durchweg abgeneigt,und mehrere ihrer eigenen Glieder bekannten später die Wertlosigkeit ihres Unterrichts, derdoch an allen Universitäten und den meisten Gymnasien der Monarchie herrschte. Lateinisch