Kirchliche Reaktion. Mystisch-pietistische Bewegung. 429
Art von Theokratie, die freilich in der Luft schweben blieb, zu bändigen. Die bedeutendstedieser Frauen war Juliane von Vietinghoff aus Riga, schon früh die Gattin des weit älterenrussischen Diplomaten von Krüdener (1766—1824). Beeinflußt von dem Geisterseher Jung-Stilling (S. 374) und von Anhängern des Magnetiseurs Mesmer (S. 373), wandte sie sichin reiferen Jahren der Mystik zu und zog während des Aufenthaltes der Verbündeten in Parisden Kaiser Alexander in ihre Netze. Als Prophetin ihrer mystisch-pietistischen Lehre wandertesie seit 1815 umher, zuerst in der Schweiz, predigte sowohl öffentlich wie auch in engerenZirkeln, gab fliegende Blätter heraus, betete und sang mit ihren Bewunderern. Selbst Geist-liche nannten sich ihre Jünger; das ihr anhängende Volk aber ehrte sie als Prinzessin, als„heilige Frau", sogar als „Herrgöttin"; der Kreis ihrer Eingeweihten aber erwies ihr alsHohepriestern: oder als Sounenweib aus der Offenbarung des Johannes ehrfurchtsvolle Achtung.Sie behauptete, Kranke geheilt, mit wenig Brot Hunderte gesättigt zu haben. Sie verschwiegaber auch die Sünden ihrer früheren Jahre nicht, um durch ihr eigenes Beispiel zur Be-kehrung zu entflammen. Abenteurer sammelten sich um sie, aus vornehmen wie aus geringenStänden, und um diese wieder allerlei Gesindel, welches sich nicht nur von ihr füttern ließ,sondern sie auch bestahl. Bon der Polizei wurde die Krüdener dagegen nicht eben ehrerbietigbehandelt, vielmehr von Ort zu Ort getrieben, bis sie endlich nach Rußland zurückkehrte. Nochvorher aber trat in: Kanton Zürich Margaret« Peter, ein Landmädchen von sehr zweifelhaften:Rufe, als Prophetin in ähnlichem Geiste auf; sie endete damit, daß sie sich im Jahre 1823von ihren Jüngern auf schauderhafte Weise kreuzigen ließ, woraus wahnwitzige Schwärmer nachder Blutstätte wallfahrteten und Reliquien von ihr sammelten. Die Thäter wurden von:Züricher Gerichte zu Zuchthausstrafen verurteilt und das Petersche Haus niedergerissen.
Einige Jahre vorher (1817), hatte die „Blut-Theologie" eine ähnliche Verwirklichung zuAmpfelwang in Österreich gefunden, zwar unter Katholiken, an deren Spitze sogar zwei Geist-liche standen, die indessen eine Pietistische Sekte von „Erweckten" gegründet hatten. Dort geschahes, daß die Fanatiker, deren Haupt nach Entfernung der Geistlichen, der Bauer Josef Haasgeworden war, ein altes Ehepaar, welches sich ihnen nicht anschließen wollte, totschlugen unddann ein junges Mädchen aus ihrer Mitte, welches über diesen Vorzug jubelte, „opferten"und ihn: das Herz ausschnitten. Als unzurechnungsfähig betrachtet, wurden sie nicht bestraft,sondern nur unter polizeiliche Aussicht gestellt.
In pietistischcn Erziehungsanstalten wurde zu jener Zeit Kindern durch künstliche Geister-erscheinungen und anderen Unfug eine solche Angst vor dem Teufel eingejagt, daß ihrer vieledurch die Aufregung erkrankten. Dieses Treiben ging zeitlich noch weit über die um 1830verlaufende Restaurationsepoche hinaus. In Königsberg z. B. wurde ein Skandalprozeß gegeneine Muckersekte geführt, an deren Spitze die Altlutheraner Ebel und Diestel standen. Nachden: Jahre 1848 traten dieselben den Jrvingianern bei, welchen der Justizrat Wagencr inBerlin und der Professor Thiersch in München vielen Anhang in Deutschland verschafften: nochheute wartet diese Sekte, welche sich katholisierender Ceremonien bedient, auf die WiederkunftChristi und den Jüngsten Tag.
Mit diesem Mystizismus innig verwachsen sind die ältere Geisterseherei und der neuereSomnambulismus, welche in dieser Zeit vereint das Haupt erhoben. Zum Propheten der-selben wurde der Arzt und Dichter Justinus Kerner (S. 413) in Weinsberg, namentlich durchsein 1829 erschienenes mystisches Buch „die Seherin von Prevorst", welches die überspannteGeschichte einer hysterischen und nervös aufgeregten Person, die als eine Art Heilige angestauntwurde, enthält. Diese Krankheitserscheinung wurde derart Modesache, daß „Reisen in die Sonne,den Mond und mehrere Sterne", „Offenbarungen einer Somnambüle" und mehr solcher Schriftenerschienen und Theosophen, wie Baadcr, Eschenmayer und Ennemoser die Hellseherei und Schlaf-wacherei in ein förmliches System brachten, welches seine Verfasser jedoch nicht überlebte.
Selbst in die Wissenschaft fand die Mystomanie Eingang: ein Gelehrter wie Creuzeropferte ihr in seiner „Symbolik und Mythologie der Völker der alten Welt", in welcher ereine von göttlicher Offenbarung Herstammende Priesterweisheit, — nicht von Beweisen, sondernnur von der Phantasie geleitet — durch alle Nationen verfolgen zu können glaubte. Der