Band 
Zweiter Band.
Seite
439
JPEG-Download
 

Die Deutschen in Amerika.

439

noch jetzt spanischen Cuba, in holländisch Guyana und in Brasilien zahlreich sind, so haben denLöwenanteil doch von jeher die jetzigen Vereinigten Staaten Nordamerikas erhalten. Mildendeutschen Kolonisten kam statt des finsteren Fanatismus der englisch-schottischen Puritaner "einehumanere und wahre christliche Gesinnung ins Land. Daheim verfolgte Mennoniten, die. sichdurch reine Sitten auszeichneten, befanden sich unter ihnen; andere Sekten, besonders Herrn-huter, folgten nach. Die meisten ließen sich in Pennsilvanien nieder, wo sie hart mit denRothäuten zu kämpfen hatten; aber auch in den übrigen Kolonien waren Deutsche zahlreich ver-treten, obgleich anfangs die englischen Ansiedler (Jankees) an Härte und Grausamkeit gegensie mit den Indianern wetteiferten. Vor der Revolution betrugen die Deutschen bereits einDrittel der Bevölkerung von Britisch-Amerika; in Pennsilvanien für sich das Doppelte. DeutscheZeitungen erschienen viele, die erste schon seit 1724 in Germantown. Die Deutschen warenes, welche lange vor den Jankees die Losung der Unabhängigkeit von England ausgaben. Siewaren auch die ersten, welche die „blauen Berge" überstiegen und den noch wilden Westenbesiedelten. Sie zuerst traten gegen die Negersklaverei auf, auch gegen die Urbewohner zeigtensie als die ersten menschliche Gesinnung und errangen sich ihr Zutrauen, wie sie auch Christen-tum und Kenntnisse unter ihnen verbreiteten. Die deutschen Kolonisten waren die duldsamstenund gebildetsten. Von ihnen gingen die ersten Verbesserungen in der Landwirtschaft aus, wo-gegen sie im Handel den Jankees den Vorzug ließen. Auch waren die Anfänge amerikanischerIndustrie ihr Werk: 1726 gründete ein Deutscher, Kurz, in Lancaster die ersten Eisenwerke,andere die ersten Papier-, Linnen-, Tuchfabriken, Glaswerke und sonstige Industrien. Währenddes Unabhängigkeitskampfes bewiesen die Deutschen die größte Ausdauer und Energie und dasmeiste Soldatentalent. Sie unterstützten die Engländer nicht gegen die Amerikaner; von denverkauften deutschen Soldaten (S. 366), welche das Gegenteil thun mußten, ließen sich vielevon den deutschen Kolonisten zum Überlaufen bereden und siedelten sich nebst ihren gefangenenKameraden selbst an. Von Deutschen rühren die amerikanischen Nationalhymnen her. Ausihnen gingen Feldherren des Unabhängigkeitskrieges hervor, wie Peter Mühlenberg, ein ein-gewanderter Prediger, Freiherr Johann von Kalb, der in Österreich und Frankreich, undFriedrich Wilhelm von Steuben, der unter Preußens Friedrich gedient hatte. — Nach demKriege hielten die nordamerikanischen Deutschen an den errungenen Volksrechten fest und ver-teidigten sie gegen gewaltthätige Beamte. Aber ihre Bemühungen, ihr Volkstum zu bewahrenund wo es sich in der Mehrheit befand, zum herrschenden zu erheben, scheiterten, als infolgeder Deutschland verheerenden Kriege die Einwanderung von dorther nachließ und diejenige ausdem britischen Reiche zunahm. Hierdurch wurde auch die Einführung des Deutschen alsGerichts- und Gesetzessprache in Pennsilvanien, sowie das Emporkommen der Deutschen in denÄmtern der Vereinigten Staaten vereitelt. Überall siegte das englische Element. In Pennsil-vanien und anderswo entstand ein eigener amerikanisch-deutscher Volkscharakter und ein be-sonderer verdorbener deutsch-englischer Dialekt. Ackerbau und Gewerbe der Deutschen gediehund die Ausbreitung der Weißen über den Westen war zu großem Teile ihr Werk. In Canadawurden Deutsche, welche in Spanien unter Napoleon gedient hatten und von den Engländerngefangen dorthin gebracht worden waren, im Kriege von 1811 gegen die Amerikaner ver-wendet und dann angesiedelt. Hob sich auch nach dem Frieden von 1815 die Auswanderungaus Deutschland wieder, so wurde sie aus England, Schottland und Irland noch stärker.Infolgedessen wurden die Deutschen von den britischen Kolonisten überall zurückgesetzt, undwenn sie sich nicht anglisierten, verachtet und mißhandelt. Einzelne ihrer Kolonien, meist vonreligiösem Charakter, gelangten zu großer Blüte, besonders New-Harmony am Wabash undEconomy am Ohio, die beide von der durch den Württemberger Georg Rapp (1770—1847)gestifteten Sekte der Harmoniten gegründet worden waren. Mit den vierziger Jahren beganneine neue Periode der deutschen Auswanderung.