198
aus dem Könige von Frankreich einen absoluten König, eineArt Cäsar, machen wollte, so mußte er den Adel an den Hofziehen. Das war nicht genug; er mußte ihn durch glänzendeFeste zerstreuen, ihn seine Knechtschaft liebgewinnen und seinGeld verschleudern lassen. Das ist der macchiavel'sche Grunddes sonst unerklärlichen Eifers des Kardinals für das Theaterund die dramatischen Feste.
Hören wir hierüber Peliffon in seiner Geschichte der fran-zösischen Akademie. Nachdem er gesagt hat, daß, wenn derKardinal einen Schöngeist kannte, der sich nicht von selbstdazu bewogen fand, für das Theater zu arbeiten, er ihn mit-telst aller erdenklichen Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten da-für zu bewegen wußte, fährt er fort: „Da er sah, daß Des-marets hievon weit entfernt war, bat er ihn, wenigstens einenStoff zu einem Schauspiel zu erfinden, den er alsdann, sagteer, einem Andern übergeben wollte, um ihn in Verse zu bringen.Desmarets brachte ihm alsbald deren vier. Jener der Aspa-sia, einer derselben, gefiel ihm ungemein; allein, nachdem erihm deßhalb tausend Schmeicheleien gesagt hatte, fügte er hin-zu, daß nur Der, der fähig gewesen, denselben zu ersinnen,auch fähig sein würde, ihn würdig zu behandeln, und nöthigteDesmarets, dies selbst zu thun, was er auch dagegen ein-wenden mochte. In der Folge, nach der festlichen Aufführungdieses Schauspiels vor dem Herzog von Parma, bat er Des-marets, ihm jedes Jahr ein solches zu machen; und als diesersich zu entschuldigen gedachte, beschwor ihn der Kar-dinal, ihm zu Liebe sich mit Theaterstücken zu be-fassen."
Desmarets ließ sich überreden und brachte den größtenTheil seines Lebens damit zu, griechische und römische Tragö-dien und Comödien zu schreiben, welche übrigens nicht sowohldazu beitrugen, den Kardinal nach den Mühen seiner vielfachen
1) Geschichte der französischen Akademie, Artikel Des-marets rc.