285 Ammon (in Theben)
u. a. auch sehr häufig als 'kräftiger Stier’ ge-dacht, der zeugend inmitten des Himmels stehtund von der Himmelsgöttin den Sonnengott desnächsten Tages, zugleich seinen Sohn und sichselbst, erzeugt. So ist auch Amon schon sehrfrüh zum Sonnengott geworden und trägtals solcher den Diskus mit der Uraeusschlange— dieselbe bedeutet die vernichtende Sonnen-glut — auf dem Haupt.
In der ältesten Epoche der ägyptischen Ge-schichte, als der Schwerpunkt des Landes inMemphis lag, spielten wie Theben , so auchseine Götter gar keine Rolle. Erst als dieDynastien der Pyramidenbauer ins Grab ge-sunken waren, etwa gegen Ende des drittenJahrtausends v. Chr., mit dem Regierungsan-tritt der 12. Dynastie, wurde Theben die Haupt-stadt des Landes. Damals waren die religiö-sen Anschauungen ganz Ägyptens bereits völ-lig von der monotheistischen Geheimlehre be-herrscht , nach der alle Götter nur Namenoder Formen des Einen uranfänglichen undewigen Sonnengottes waren. Der Hauptnamedieses Gottes war nach den lokalen Kultenverschieden; für die Reichsreligion traten be-greiflicher Weise die Gottheiten der Haupt-stadt in den Vordergrund. So wurde Amon-Ba’, d. i. der mit dem Sonnengott identifizierteAmon, die angesehenste Gottheit ganz Ägyp-tens , in dessen Namen die Könige kämpftenund siegten, der ihnen, seinen Söhnen, dieKrone aufs Haupt setzte, dem sie gewaltigeTempelbauten errichteten und einen bedeuten-den Anteil von den Einkünften des Reichesund der Kriegsbeute überwiesen. Amenemha'tI, der Begründer der 12. Dynastie, legte zu-gleich den Grund zu dem grofsen Reichstem-pel des Amon in Theben (Karnak ), an demalle folgenden Geschlechter bis auf die Ptole-mäer hinab weiter gebaut, aus dem sie all-mählich das gigantischste Tempelgebäude derErde geschaffen haben. Auch die Zeiten desVerfalls, der Fremdherrschaft der Hyksos, hatdie Herrscherstellung des Amon überlebt. Einthebanisches Königsgeschlecht war es, dem(etwa um 1530 v. Chr.) die Befreiung des Lan-des gelang, und unter den grofsen Kriegsfür-sten und Bauherren der 18. Dynastie, vor al-len Dhutmes III und Amenhotep III , stieg dasAnsehen und der Wohlstand des Gottes im-mer mehr.
Dann trat eine höchst interessante Reaktionein. Es hatte sich eine Partei gebildet, welchemit der Geheimlehre Ernst machen, denMonotheismus wirklich durchführen wollte.Alle Götter sollten nicht wie bisher lediglichfür Formen des einen Sonnengottes erklärt,sondern definitiv beseitigt werden, die „Son-nenscheibe“ (absichtlich wählte man das Appel-lativum , nicht einen der alten Namen derSonnengottheiten) ausschliefslieh verehrt wer-den. Der König Chuenaten („Abglanz derSonnenscheibe“, urspr. Amenhotep IV ) wurdefür die Reformation gewonnen und führtedieselbe mit gröfster Energie durch; dem einenSonnengotte baute er (in Teil Amarna ) einenneuen Tempel und verlegte die Residenz hier-lner. Alle alten Götter wurden beseitigt, ihre
Namen an den Tempelwänden wo man sieerreichen konnte, ausgemeiselt. Begreiflicher-weise wurde kein Gott stärker von der Ver-folgung betroffen als der bisherige Hauptgott,Amon. — Dauernden Bestand hat die Refor-mation indessen nicht gehabt; in den lang-wierigen Wirren nach Chuenatens Tode ge-langte die alte Orthodoxie wieder zur vollenHerrschaft, die Bauten des Königs wurden zer-stört, die Tempel und die Priesterschaft ge-wannen ihre alte Macht aufs neue. Dienächste Dynastie (die neunzehnte), der vorallem Seti I und Ramses II angehörten, wardem Amon eifrig ergeben, von ihnen stammt
u. a. die berühmte grofse Säulenhalle von Kar-nak.' Das Ansehen und der Wohlstand desthebanischen Gottes, d. h. der Oberpriester desAmon, wuchs immer mehr und drängte schliefs-lich das Königthum völlig in den Schatten.Die Inschriften der späteren Ramessidenze.itlehren uns, dafs alle wichtigen Angelegenhei-ten, z. B. politische Prozesse, direkt von demGotte entschieden wurden, indem die Amons-statue selbst die Orakel ertheilte. (S. darübervor allem Naville, inscr. histor. de BinodgemIII, 1883). So konnte schliefslich um 1050
v. Chr. der Oberpriester Hrihor es wagen, dielegitimen Herrscher bei Seite zu schieben undsich selbst die Krone aufs Haupt zu setzen.Auf die Dauer hat sein Geschlecht dieselbenicht behauptet; inTanis erhob sich ein neues(das 21.) Königshaus, das auch über Theben die Herrschaft gewann. Aber während derfolgenden Jahrhunderte, in denen die äufsereMacht des Staates mehr und mehr verfiel, be-hielten die Amonspriester von Theben (jetztgewöhnlich königliche Prinzen), immer dieangesehenste Stellung nach dem König.
Inzwischen hatte sich in dem lange Zeitvon Ägypten beherrschten Lande Ku s ch (griech.Äthiopien, das heutige Nubien ) ein neuer mäch-tiger Staat gebildet, mit der Hauptstadt Na-pata. Die Kultur und Religion von Äthiopien war völlig ägyptisch, und so erscheint auchhier der (menschenköpfig gebildete) „Amonvon Theben“ als Hauptgottheit. Neben ihmwird, wie es scheint von Taharka (um 700v. Chr.) an ein zweiter, widderköpfig gebilde-ter „Amon vom heiligen Berge“ (d. i. GebelBarkal bei Napata) verehrt. Die Inschriftenlehren, dafs auch die Theorie der ägyptischenPriester hier völlig durchgeführt war; das Ora-kel des Amon entscheidet über alles, ja derGott erwählt die Könige und kann sie ab-setzen. Wie wir aus JHodor 3, 6 erfahren,hat zur Zeit des Ptolemäos Philadelphos Kö-nig Ergamenes diesem Unfug ein Ende ge-macht.
In der zweiten Hälfte des achten Jahrhun-derts eroberten die äthiopischen Könige Ägyp-ten und haben um den Besitz desselben langeJahre hindurch erst mit den einheimischenFürsten, dann mit den Assyrern Kriege ge-führt. Schliefslich unterwarf Asarhaddon vonAssyrien (um 671) ganz Ägypten und plünderteTheben; sein Sohn Assurbanipal stellte nacheinem Aufstande die Herrschaft wieder herund schlug die Äthiopen 'aufs neue’ aus dem
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