1927 Pentkeus (Sage b. Euripides )
Orestie z. d. St. Nach der Darstellung in Euri-pides ’ Eukchen , mit welcher von den übrigeniitterarischen Quellen Theokr. Id. 26 und Pacu-vius nach Serv. ad Aen. 4, 469 fast ganz,Apollod. 3, 5, 2, Paus. 2, 2, 5. 6 und Hygin. fab.184. 239 sowie auch die Schilderung beiPhilostr. im. 1, 18 vollständig übereinstimmen,hat die Pentheussage folgende Gestalt. Dio-nysos, der Sohn des Zeus und der Kadmos -tochter Semele , ist mit seinem Thiasos aus ioAsien nach seiner Geburtsstadt Theben ge-kommen, um hier seinen Dienst einzuführen.Schon hat er die Schwestern seiner Mutter,Agaue, Ino und Autonoe, welche seine gött-liche Abkunft geleugnet hatten, zur Strafe mitdem orgiastischen Wahnsinn erfüllt und ge-zwungen, mit den übrigen Frauen von Thebenauf den Bergen zu schwärmen. Aber nochwidersetzt sich der König Pentheus der Ver-ehrung des Gottes, nennt ihn einen Gaukler 20und Betrüger und befiehlt trotz der Warnungendes Teiresias und seines Grofsvaters Kadmos ,welche sich dem neuen Dienst angeschlossenhaben, den Gott zu ergreifen. Dieser läfst sichin der angenommenen Gestalt eines seinerDiener gefesselt dem Pentheus vorführen. Trotzder wunderbaren Vorgänge, welche dem Pen-theus berichtet werden, wozu auch die Be-freiung der ebenfalls gefangenen Mainadengehört, verspottet er den Dionysos wegen seiner soweibischen Gestalt, und durch seine selbst-bewufsten Antworten gereizt befiehlt er, ihnin den Pferdestall einzuschliefsen. Aber Dio-nysos verläfst frei seinen Kerker, während derPalast von Flammen ergriffen in Trümmer lallt.Allein weder hierdurch noch durch die gemel-deten Wunderthaten der schwärmenden Frauenauf dem Kithairon bekehrt bietet Pentheus seine Heeresmacht gegen diese auf. Jetzt greiftDionysos ein, um seinen Untergang herbeizu- 40führen. Er beredet den Pentheus, in weib-licher bakchischer Tracht (den Gewändern sei-ner Mutter Val. Flacc. 7, 303; Nonn. IHon.
46,106), mit welcher auch der bakchische Wahn-sinn über ihn kommt (vgl. Verg. Aen. 4, 470),in welchem ihm Dionysos als iStier erscheint(vgl. Val. Flacc. Arg. 7, 302), mit ihm auf denKithairon zu gehen, wo die Frauen, darunterauch seine Mutter Agaue, Ino und Autonoe,sich der Bakchosfeier hingeben. Um ihm. Ge- 50legenheit zu geben, ihr Treiben zu belauschen,setzt ihn Dionysos auf eine Fichte und ruftdann die Mainaden herbei. Von dem Gottmit Wut und übernatürlicher Kraft erfüllt (vgl.auch Theokr. Id. 26, 15; Apollod. 3, 5, 2; Uyg.f. 184; Philostr. im. 1, 18 oiatqov itQoeßax^sv-aag tcds yvvca^iv, IHod. 3, 60 ) und von Agaueangefeuert, die ihren Sohn für ein wildes Tierhält ( Ovid . Met. 3, 714 Eber, Val. Flacc. Arg.
3, 266 Stier; Philostr. im. 1 , 18 und Nonn. 46, 00177. 219 Löwe; Myth . Vat. 2, 83 Hirschkalb),entwurzeln die rasenden Frauen die Fichteund stürzen sie samt dem Pentheus um. Die-ser erkennt nun sein Schicksal und fleht seineMutter (bei Ovid Met. 3, 718 Autonoe) um Er-barmen an. Aber Agaue, mit wutschäumendemMund und rollenden Augen, fafst seinen linkenArm mit beiden Händen und gegen seine Seite
Pentheus (Sage b. Theocr. Ovid , Opp.) 1928
den Fufs stemmend, reifst sie ihm den Armsamt der Schulter aus, Ino ebenso den rechten(bei Ovid Met. 3, 721 ebenso Ino und Autonoe,nachdem ihn Agaue zuerst durch einen Wurfmit dem Thyrsos verwundet hat). Nun dringtAutonoe und die ganze Schar schreiend aufihn ein, die eine ergreift einen Fufs, die andereeinen Arm, und sie werfen sich die abgerissenenGlieder wie Bälle zu. Sein Haupt aber fafstseine Mutter, steckt es, wie das Haupt einesBerglöwen, auf die Spitze des Thyrsos undträgt es über die Höhe des Kithairon nachTheben, frohlockend über den Fang des Wildes(vgl. auch Sen. Oed. frgm. 15). Zugleich kommtKadmos vom Kithairon her, dem die Stückevon Pentheus ’ Leichnam nachgetragen werden.Im Zwiegespräch mit ihm ko mm t Agaue zurErkenntnis ihrer That. Mit ihrer Klage undmit Prophezeiungen des Dionysos schliefstdas Stück.
Aus den Darstellungen anderer Schriftsteller,welche, wie schon bemerkt, in der Hauptsachemit Euripides übereinstimmen, sind folgendeAbweichungen von demselben in einzelnenZügen zu verzeichnen. Bei Theokrit. Id. 26bringen die Kadmostöchter dem Dionysos undder Semele ein regelrechtes Opfer dar. Pen-theus belauscht sie nicht von der Fichte, son-dern von einem Felsen aus, indem er sich ineinem Mastixbaum birgt. Als Autonoe ihnerblickt, schreit sie auf und stöfst die üpfer-geräte um (vgl. hierüber Crusius, Rhein . Mus.45, 268), die kein Ungeweihter schauen darf,Pentheus flieht erschreckt, von den Frauen ver-folgt, worauf die Zerreifsung erfolgt. Bei OvidMet. 3, 511—733 fehlen die Mainaden als Ge-folge des Dionysos, womit auch die Erzählungvon ihrer Gefangennahme und Befreiung weg-fallt. Agaue und ihre Schwestern sind bei dem-selben nicht zur Strafe in Wahnsinn versetzt,sondern beteiligen sich an dem allgemeinenSchwärmen des ganzen Volkes. Ferner gehtbei Ovid Pentheus selbständig, weder auf denAntrieb des Dionysos noch von ihm begleitet,auf den Kithairon, auch nicht in Mainaden-tracht und mit verwandeltem Sinn, wie auchdie Schilderung des Treibens der schwärmendenFrauen und die Besteigung der Fichte wegfällt.Diese Verkürzungen wie auch die Einführungdes Acötes (nach Pacuvius s. o.) erklären sichdaraus, dai's dem Ovid die Erzählung vonder Verwandlung der tyrrhenischen SeeräuberHauptzweck war.
Eigentümliche Züge enthält auch die Dich-tung des Oppian Cynegetica 4, 233 f. Hiernachwurde der Dionysosknabe von den Kadmos-töchtern Ino , Autonoe und Agaue aus Furchtvor Hera und Pentheus auf dem Waldgebirgeaufgezogen, wo sie ihn in einem Kasten bargen.Mit dem sprossenden Frühling brachten sieden Knaben zu Aristaios nach Euböa , wo eraufwuchs. Als dann Dionysos auf seinem Zugnach Theben kam und Pentheus sich seinemDienste widersetzte, baten (v. 304) die Kadmos-töchter den Gott, den Pentheus in einen Stierzu verwandeln, sie selbst in wilde Tiere, umden Pentheus zu zerreifsen. Der Gott erhörtesie und verwandelte sie in Panther, die nun