1929 Pentheus (b. Nonnos; Charakter)
Pentheus in Stiergestalt (wie schon hei Val,Flacc. Arg. 3, 264) zerrissen.
' Die epische Darstellung des Nonnos ( Dionys .I. '44 — 46) ist im wesentlichen eine aus-schmückende, steigernde und ins Wunderhafteausmalende Erweiterung der euripideischenTragödie, deren Scenen unter Einlegung zahl-reicher Episoden so ziemlich beibehalten wer-den. Abweichend, aber doch auf der auch beiEuripides (Bacch . v. 618) vorkommenden Vor-stellung des Stierdionysos beruhend ist dieseltsame Dichtung (45, 246 f.). wonach der Gott in Gestalt seines Dieners dem Pentheus einenStier als Dionysos vorführt, wie überhauptwährend der wunderbaren Vorgänge häufigesStiergebrüll die Luft erfüllt. Um den Pen-theus in Wahnsinn zu versetzen, nimmt Dio-nysos die sinnbethörenden Dämonen Lyssa,Mene (Selene) und Oistros zu Hilfe (46, 97 f.).Auf dies hin legt Pentheus weibliche Kleidungund zwar von seiner Mutter Agaue (ebensoschon Val. Flacc. Arg. 7. 303) an und begiebtsich auf den Kithairon. Mit dem Thyrsos inder Hand tanzt er wie eine Bakche und wirftdie Haare in die Luft. Dann folgt die Scenemit der Fichte und die Zerreifsung wie beiKuripides. Über die Klagen des Kadmos wei-nen der Kithairon (46, 240 f.). indem er seineQuellen fliefsen läfst, und dieNaiaden, und Dio-nysos giebt aus Mitleid mit Kadmos der Agauedie Besinnung wieder. Sie erkennt das Hauptdes Pentheus, fällt spi-achlos zu Boden, wälztsich im Staub und küfst die Augen des Sohnes.Mit der Bestattung des Pentheus durch Agaueschliefst die Erzählung. Dagegen sollen seineÜberreste nach Partiten, narr. amat. 32 von derEchionstochter Epeiros, welche mit Kadmos und Harmonia (vgl. Für. Bacch. 1332) ausTheben ausgewandert sei, nach Chaonien inEpirus gebracht worden sein. Von einer Fluchtder Agaue nach Hlyrien spricht Hyg. f. 184.
Nach seiner Persönlichkeit wird Pen-theus bei Furipides als jugendlicher Herrschergeschildert, dem der erste Flaum um das Kinnsprofst (Bacch. 1185); ebenso bei Accius fr. 8;Norm. 46. 201; mit lieblichen Locken ebendas,v. 280. Nach Philostr. im·. 1. 18 war er nochglatt um das Kinn, von blondem Haar. Aberals Echionssohn von gigantischem Wesen warer eigenwillig, leidenschaftlich und jähzornig,wie sein wilder Blick verriet; vgl. Für. Bacch.v. 537 f. 670; Ovid Met , 3, 567. 577. 707. Sozeigt er sich ebenso gegenüber den Seinigenwie bei dem trotzigen und hartnäckigen Wider-stand (als ttsoaajjo g s. Nestle, Philologus 1899S. 374) gegenüber dem Gott, den er in seiner Ver-blendung hart und höhnisch behandelt, weshalbihn auch die schreckliche Strafe für seine vßgigereilt. Deshalb wird er im ganzen Altertum alsFrevler gegen die Götter genannt, Paus. 2, 2, 5;Anth. Pal. 3, 1: Nonn. 5, 210 afiffuerog; 44, 133ardo&alog und daher mit Lykurgos , seinemthrakisehen Gegenbilde, zusammengestellt.
Die Bedeutung der Pentheussage ergiebtsich aus dem Schauplatz derselben sowie ausder Vergleichung ihres Inhalts mit verwandtenSagen "mit hinreichender Deutlichkeit. Thebenund der Kithairon war der Mittelpunkt des
Pentheus (Bedeutung der Sage) 1930
orgiastischen Dionysoskultes, der aus Thra-kien stammte und durch einen thrakisehen, denGriechen näher verwandten Volksstamm nachMittelgriechenland gebracht war. Die Geburtdes Dionysos in Theben als Sohn der Kadmos -tochter Semele und des Zeus bedeutet die Ein-fügung des thrakisehen Gottes in das grie-chische Göttersystem (s. o. Bd. 1 Sp. 1044VWährend Homer nur den Dionysos der thra-lo kischen Rage kennt (Z 130; £? 325 kommtnicht in Betracht), ist der in Theben geboreneSohn des Zeus und der Semele der Theogoniedes Hesiod (v. 940) wohl bekannt, und daherauch ohne Zweifel der ganze thebanischeSagenkreis des Dionysos , wie auch in derTheogonie (v.975) die Kadmostöchter ganz ebensowie in der Pentheussage benannt sind. DerEinflufs des benachbarten Thebens auf diehesiodisehe Dichtung ist ebenso natürlich, wie20 andrerseits der thrakische Dionysos, welcherauch nach Kleinasien gedrungen ist, der Hei-mat der homerischen Gesänge näher lag. Derthebanischen Sage von der Zerreifsung desPentheus durch seine eigene Mutter im bak-chischen Wahnsinn entsprechen die ebenfallsmit der Einführung des Dionysoskultes in Ver-bindung gebrachten Sagen von den Minyaden('s. d.) in Orchomenos , den Proitiden (s. d.) undFrauen in Tiryns und den Frauen in Argos30 (Apollod. 3, 5, 2), von welchen übereinstimmendberichtet wird, dafs sie in der höchsten Stei-gerung des bakchischen Orgiasmus ihre Säug-linge zum Opfer brachten und zerstückten.Damit verlassen sie ihre Bestimmung als Frauenund Mütter und treten über in den beseligendenZustand der Mainade, die sich ganz demekstatischen Dienst des Gottes und der Ver-einigung mit der all waltenden Natur hingiebt(vgl. Für. Bacch. 114. 135 f.), deren Schauerio ihr vertraut sind und deren Lebenskraft siemit dem Blut ihres Opfers einsaugt (s. o. Bd. 1Sp. 1037 f.). Für das sittliche Gefühl aberkonnte eine solche Verletzung aller mensch-lichen Ordnungen nur in einem Zustand gott-gesandten Wahnsinns begangen sein, zu dessenErklärung die dichtende Sage eine Schuld er-finden mufste. die in einem vorangegangenenWiderstand der Frauen gegen die Wirkungund den Dienst des neuen Gottes gefunden50 ward. Andrerseits aber verlangte die im Wahn-sinn begangene schreckliche Handlung aucheine Sühne, und diese sah man in einer aufein ursprüngliches Menschenopfer hinweisendenKulthandlung, welche in den angeführtenStädten Agrionia genannt und, da z. B. inOrchomenos die Flucht und Verfolgung derFrauen durch den Priester des Dionysos denMittelpunkt derselben bildete (s. o. Art. Minya-den), nach dem äufseren Anschein auch alsάγων oder άρόμον άγων bezeichnet wurde. Soauch in Theben vgl. Hesych. Άγριώνια ■ vsuvaiaΛαρ& ’Αρ ysioig και άγώνες· Ιν Θηβαιρ und dieInschrift in den Mitt. des arch. Instituts inAthen 7. 349.
Die Verbreitung des dionysischen Frauen-dienstes ging von Delphi aus (vgl. Rhein . Mus.27 S. 6;" Ribbeck Anfang u. Entwicklung desDionysoskultes in Attika S. 1. 2), und dorthin