2263 Phanes (Deutung)
427, 4). Dieselbe Identifikation hat sehr wahr-scheinlich der Dichter des Ilymnos 13 in seinerVorlage gefunden (v. 4), und auch die ihm nahestehende hieronymianische Thcogonie scheintmit Rücksicht auf die Sternbilder dem ChronosLöwen- und Stierkopf beizulegen (fr.SG; 30 Ab.).Selbst für die rhapsodische Theoyonie kommtdiese Deutung wenigstens in Frage ( Gruppe,Hdb. 431, 1). — Ebenso wie Chaos und Chronosbedeutet nun auch Ph. zugleich einen voraus-gesetzten Stoff und eine vorausgesetzte Kraft.Er ist ebenso wohl der angenommene Urstoif,das All-Eine, als die potentielle Vielheit, dieer in sich schliefst, ja auch der Entwickelungs-rciz, der diese Vielheit zwingt, sich aus demAll-Einen zu entfalten und in das All-Einezurückzukehren. Dieser Entwickelungsreizwiederum kann ganz physisch, als Geschlechts-trieb (Eros, Priapos, s. Sp. 2260 f.), oder auchganz geistig als Denken (Metis, s. Sp. 2258)vorgestellt werden; denn wenngleich dieseNamen des Ph. vom Dichter des Mythos nichtselbst erfunden, sondern in älteren Überliefe-rungen vorgefunden sind, so nötigten sie doch,nachdem sie einmal angenommen waren, zueiner Erweiterung der Vorstellungen nachdieser Richtung hin.
Wenn demnach die aus Phanes emanierteWelt nicht intelligibel sein kann, so erhebtsich die Frage, wodurch sie sich überhauptvon der aus Zeus herausgeströmten Welt unter-scheidet. Ein solcher Unterschied tritt in derÜberlieferung nirgends hervor. Trotzdem könnteer freilich bestanden haben, da die Neoplato-niker, denen wir die weitaus meisten auf diesenTeil desMythos bezüglichen Angaben verdanken,natürlich keinen Grund hatten, diese ihrereigenen Ausdeutung widerstrebenden Züge mit-zuteilen. Indessen scheint es doch, als ob derDichter des Mythos in der Weltentwickelung(d. h. in der Entstehung der Welt des Ph. aus der des Zeus ) weder — wie die meistenälteren theogonischen Dichter — einen Fort-schritt vom Bösen zum Guten noch umgekehrt,sondern einfach einen sich in langen Zeiträumenimmer wiederholenden Prozefs des Zusammen-fliefsens und der Sonderung angenommen habe.Diese Vorstellung findet sich bei fast allengriechischen Systemen, die auf dem gleichenBoden stehen wie unser Dichter. Allerdingsenthält diese Lehre der periodischen Welt-erneuerung einen starken Hinweis auf die quali-tative und quantitative Unveränderlichkeit derWelt als Ganzes, und diese Lehre hätte zu derErkenntnis von der Anfangslosigkeit der Weltführen sollen, die in der That ein konsequentererVertreter dieser Anschauung, Herakleitos, aus-gesprochen hat, die aber unserem Orphikernoch nicht aufgegangen ist. Allein die Gleich-gültigkeit gegen einen solchen Widerspruchwürde selbst bei einem gröfseren Denker, alsunserDichter sich zeigt, im VI. Jahrh. nicht befremden.
d) Entstehung des orphischenPhanesmy thus.
Das Fehlen der Vorstellung von der An-fangslosigkeit der Welt weist zugleich miteiniger Wahrscheinlichkeit daraufhin, dafs der
Phanes (Entstehung c. Mythus) 2264
Phanesmythos älter ist als Herakleitos. Der ebenausgeführte Widerspruch zwischen dieser Vor-stellung und der Lehre von dem sich periodischwiederholenden Weltprozefs findet sich zwarauch bei einzelnen späteren Philosophen, alleinbei keinem von ihnen steht die letztere Lehreso im Mittelpunkt des ganzen Denkens wiebei unserem Dichter. Dieser ist nun zwar keinBahnbrecher, er trägt uns vor, was er vonGröfseren gelernt hat; aber dies hat er richtigverstanden und auch trotz der bedenklichenmythischen Einkleidung, die ja freilich manchesundeutlich machen mul'ste, im ganzen richtigwiedergegeben. Wenn er die Welt entstehenläfst, so thut er dies wahrscheinlich nicht blofs,weil dies innerhalb der kosmogonischen Lit-teratur üblich war, sondern weil er bei seinenMeistern nichts anderes vorfand. Da aufserdemsolche philosophische Lehren nur so lange zupoetischer Einkleidung zu reizen pflegen, alssie neu sind, kann, wenn auch nicht mit völligerSicherheit, so doch ziemlich wahrscheinlich an-genommen werden, dafs der Phanesmythosim VI. Jahrhundert entstanden ist. Für dieEntstehungszeit der dem späteren Altertumvorliegenden Darstellungen dieses Berichtesfolgt daraus natürlich nichts.
Nun findet sich allerdings im VI. Jahrhundertin Griechenland die Lehre von dem Ausströmendes Alls aus dem Einen und seiner Wieder-vereinigung im Einen nicht; allein die grofsenDenker am Ende dieses und am Anfang des folgen-den Jahrhunderts gehen von Voraussetzungenaus, die denen unseres Orjjhikers ähnlich sind.Verwandte kosmologische Vorstellungen findensich bekanntlich im Stoizismus, in der älterenGnosis, welche freilich, indem sie die Körper-lichkeit des Urwesens aufgiebt, nach eineranderen Richtung hinstrebt, und im Mithras-kult. Die Stoa hängt hier offenbar, wie auchallgemein angenommen wird, von der· älterengriechischen Philosophie ab; durch die. Stoikerglaubte man früher den Parsismus und hältgewöhnlich noch jetzt die Gnoistiker beeinfluist.Allein der erstere, der auf griechischem Kultur-gebiet nie recht Wurzel gefafst hat, bewahrthier sehr wahrscheinlich dien Niederschlagälterer orientalischer, wahrscheinlich babyloni-scher Spekulation; und auf diese sind in letzterLinie auch die gnostischen Systeme mit um sogröfserer Sicherheit zurückzuführen, je deut-licher sich einerseits das Fortleben der Restealtbabylonischer Kultur im späteren Vorder-asien, andererseits aber das späte Auftretender Mithrasreligion daselbst ergibt. VomGriechentum ist allerdings schon die ältereGnosis zum Teil beeinfluist; aber sie hat ihmgerade das entnommen, was von dieser Lehreabführt: die platonische Vorstellung von derRealität der Idee. Noch hat — was bei derSeltenheit der Texte aus dem VI. Jahrhundertnicht befremden kann — keine Keilschrift-urkunde die Lehre vom All-Einen, die demPhanesmythos zu Grunde liegt, enthüllt; aberdurchVergleichung der eranischen und der gnosti-schen Lehren läfst sich die beiden zu Grundeliegende babylonische Lehre in der Hauptsacherekonstruieren. Darnach stellten sich die Weisen
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