2485 Phyllis
pokr. s. Άμφίπολις)*) entnommen sind, werdendie etwa im Zeiträume eines Jahrhunderts(476/5—360/59) in der Nähe von Amphipolis er-littenen Niederlagen der Athener auf die vonPhyllis gegen Demophon geschleuderten Flüchezurückgeführt. Dieser hat seinen Bruder ausder Sage so völlig verdrängt (doch vgl. Lukian .de salt. 40 ό Άχάμας xcd η Φνλλίς), dafs einanderer Scholiast dem Aischines sogar Sagen-unkenntnis vorzuwerfen wagt. Zu dieser Be-rühmtheit hat ihm nicht zum Wenigsten dieDarstellung der Sage in den Attien des Kalli-machos (frg . 505) verholten, die für die Folge-zeit mafsgebend geworden ist und die sich inden Grundziigen und auch in Einzelheiten (vgl.z. B. Oppian. hat. 4,335, Kiefsling, zu Horat. earm.
4, 5, 9) noch rekonstruieren läfst aus: Culex131 ff., Ovid. ep. 2 ( amor . 2, 18, 22. Fers. 1,34).a. u. 2, 353. 3, 57. 459. rem. 55. 591—608.Hygin. fab. 59. Frokop. von Gaza epist. 18.86. (103). Philostr. epist. 28. Kolluthos rapt.Helen. 212 ff. ICometas Chartwlarios Anth. Pal.
5, 265; eine sehr späte Anspielung noch heidem Sicilier Konstantinos, Bergk Poet. lyr. Gr.3, 351. Auch Ovids Freund Tuscus („Demo-phoon“; vgl. diesen Artikel bei Pauly- Wissowa)hat sich in seiner 'Phyllis’ (ex Pont. 4, 16, 20)vermutlich an den grofsen Alexandriner an-geschlossen. Vgl. Rohde Rom . 37, 3. 128, 1.474, 2. Knäuel' Anal . Älex.-Rom. 29—48 (ver-schiedene Versehen sind im Obigen verbessert).Zum Schliffs dieser Elegie, deren Ausgangs-punkt wohl die Erklärung des Namens ’ErviabSoi war (Ovid. a. a. 3, 57), scheint Kallima-chos die echt volkstümliche, in den Sagen allerVölker verbreitete Vorstellung von dem „Fort-leben abgeschiedener menschlicher Seelen inder Pflanzenwelt“ übernommen zu haben, seies, dafs er aus dem Grabe der Phyllis Bäumewachsen liefe, deren Laub aus Trauer über dieTote zu bestimmter Zeit welkte und abfiel(Hygin. fab. 59), sei es — was durch Culex131 wahrscheinlicher wird — dafs er ihre Ver-wandlung in einen Mandelbaum erwähnte. Fastnoch feiner erscheint die Version wohl gleich-falls eines alexandrinischen Dichters bei Serv.Verg. ecl. 5, 10 (= Schol. Pers. 1,34. Myth .Vat. 1, 159. 2, 214. Theodul. ecl. 109 ff.), nachwelcher der zurückkehrende Demophon denblätterlosen Stamm des Mandelbäumchens um-armt, qui velut sponsi sentiret adventum, foliaemisit; vgl. Anal. Alex.-Rom. 42 f.**). Für die
*) Überliefert iet ώ; Άνόροτίων tv tß Αι'ϊΐόοζ. Schwartz(Pauly-Wisso was Reale ncykl. 1,2173} liest wohl richtiger I v ß.Vgl. noch Frey er, Lpz . Stud. 5, 245 und Bauer, Forsch, zuArixtot. noX. 99·
**) Über das Fortleben menschlicher Seelen in derPflanzenwelt handelt /1. Koberstein in einem gleichnamigenAufsatz (Vermischte Aufsätze zur Litteraturgeschichte undÄsthetik 31—62 (dazu ein Nachtrag R. Köhlers, 'Weimar .Jahrb. 1, 479 ff.), ferner J. Grimm, Über Frauennamen ausBlumen, KL Schriften 2, 366. Mannhardt , Wald- und Feld-kulte 2, 21 f. (Zusammenstellung mit deutschen Sagen).De Gubernatis . La mythologie des plantes 2, 9 (sieht ?n De-mophon die Frühlingssonne!), Murr , Die Pflanzenwelt inder griech. Mythologie 39. Von früheren noch C. Boetticher ,Der Baumkultus der Hellenen 272 f. Verwandte Vorstellungennoch bei M. Landau , Quellen des Dekameron 161 2 . Krauss,Südslawische Märchen nr. 160. Melusine, März-April 1890,
Phyllis 2486
Verbreitung der Sage ist bezeichnend, dafs derBaum, an dem Phyllis sich erhenkt haben soll,noch später gezeigt ward (Cremut. Cord, beiPlin. n. h. 16, 108), wie auch ihr Grabmal einWahrzeichen der Stadt Amphipolis gewesenzu sein scheint ( Antipater von Sidon, Anth. Pal.7, 705, 2. Kolluth. 213). Ihr Name ging sogarauf den Mandelbaum über; wenigstens nenntPalladius de insit. 61. 97. 147 diesen Phyllis*).
Der epichorische Name dieser Eponyme derthrakischen Landschaft um den Strymon ( Herod.7, 113; 114) war vielleicht Kiasa (nach ihremVater Kiasos: Schol. Aischin.); vgl. Tornaschek,Die alten Thraker 2, 48 ( Sitzungs-Berichte d.Wiener Akademie Bd. 131 (1894). Ursprünglichscheint sie sogar eine einheimische, etwa derhellenischen Hekate vergleichbare Göttin ge-wesen zu sein, deren orgiastischen Kult ihrVerhältnis zu Rheia**) (Apollod. epit. Tzetz.und die Andeutung bei Ovid. rem. 593; vgl.Dioskorides Anth. Pal. 7, 485, 3) noch ahnenläfst. Vgl. hierzu Lobeck, Aglaoph. 289 f.und im allgemeinen die schönen AusführungenRohdes, Psyche 295 ff. 1 Weitere Schlüsse zuziehen ( Gruppe , Griech. Mythologie 224) ver-bietet das überaus spärliche Material; voneiner Gleichsetzung mit der in Amphipolis verehrten Artemis Tauropolos (Diod. 18, 4.Liv. 45, 441 kann keine Rede sein, da Anti-pater von Sidon , Anth. Pal. 7, 705, 2 diese,die vielleicht auch in der KallimacheischenElegie erwähnt war (fig. 417), neben Phyllis anführt.
Diese junge, im fünften Jahrhundert fixierteSage hat die weit ältere von Syleus und seinerTochter abgelöst, aber Elemente aus ihr auf-genommen. Nach dem fingierten Briefe einesSokratikers an König Philippos ( Epistologr.Gr. p. 630 Herch.) empfängt Dikaios, der Sohndes Neleus (eigentlich Eponym von Dikaia,Steph. Bgz.), von Herakles die LandschaftPhyllis als TtaQaxara&ijxt], nachdem dieser denFrevler Syleus (Evlsog itsdiov bei Stagiros,Herod. 7, 115) erschlagen; Akamas oder Demo-phon erhält sie als Mitgift vom Vater derPhyllis . Die in dem stark verkürzten BerichtApollodors 3, 132 nicht zur Geltung kommendeTochter des bösen Syleus heifst Xenodoke; siehat also Fremde gastlich aufgenommen, wiePhyllis den Demophon. In der sentimentalenVersion bei Konon 17 verzehrt sie sich inSehnsucht nach dem abwesenden Herakles,das wäre wichtig für die Phyllissage, aberdieser Zug kann sehr wohl aus dieser späterübertragen worden sein. Vgl. Hofer, Konon60 ff. und besonders Wilamowitz, Eurip. Herakl.1, 73 A. 1S4 2 . Wertlos ist Böhmen , Akamasund Demophon (Progr. d. Gymn. z. Duisburg 1893).
Da Amphipolis (= ’Evvsce bSoi) den epi-chorischen Namen kvaSgaigog führte (Steph.Byz. s. v. Au.<pLitohs), so darf man die Ver-
*) Die Ableitung (ptiXXa von Phyllis ( quae antea TtitaXadicebantur ), die gleichermafsen bei Hygin und Serviuswiederkehrt, geht wohl auf einen Grammatiker zurück.
**) Darf man die rätselhafte xiott], die Phyllis demscheidenden Akamas oder Demophon giebt, mit der cistamystica vergleichen ?
10
20
30
40
50
60