2801 Poseidon (b. Homer)
wohl als eine kosmogonische Anspielung aufdas uralte Wasserelement aufzufassen, die frei-lich mit der Bezeichnung des Okeanos als desUrsprungs der Götter, II. 14, 201. 246, inWiderspruch steht, vgl. Welcher, G. G. 1, 624.In der Theog. 457 ff. andrerseits drängte dasinsbesondere ungriechische Motiv des fremdenKronosmythus, nämlich die Kinderverschlin-gung, den zur Befreiung seiner Geschwister auf-bewabrten stärksten Kroniden Zeus an dieStelle des Jüngstgeborenen. Immer aber istZeus infolge der von ihm vertretenen gewal-tigsten Naturerscheinung, wie die Theog. 504ff.(vgl. 883) nachdrücklich betont, bei Homer wieHesiod der mächtigste, durch Donner undBlitz die Götter und Menschen beherrschendeGott und weiterhin auch der weiseste (nXsiovafjSrj II. 13, 355). Jedoch wenn er in der Theog.883 fl', auf Gaias Rat durch die Wahl der Götterzum König erhoben wird und die Ämter des 2Weltregiments verteilt, so entscheidet nachHomer das Los darüber. Der Himmel, dasgrofse Meer und die Unterwelt fallen darnachje dem Zeus, Poseidon und Hades zu, währendder Olymp und die Erde allen dreien gemein-sam verbleiben, II. 15, 187. Diese allerdingsin keiner andern indogermanischen Mythologievorkommende Verteilung der drei oder vielmehrvier Welträume ist nach B. Brown, Semitic■inftuence in Hellenic mythology S. 121, demmythologischen System der Euphratvölker nach-gebildet. Darum wohnt Poseidon zwar ge-wöhnlich in der Meerestiefe unter den anderenMeerwesen, aber er weilt auch wiederholt im| Olymp, 11. 15, 161. 185. 20, 13. 8, 440. 1, 402.
[ Die so geschaffene Göttertrias bedeutet abernicht, wie Nägelsbach, Nachhom. Theol. S. 132und viele nach ihm, in monotheistischen Theo-rien Befangene meinten, dafs Zeus in seinenBrüdern herrsche und diese eigentlich nur erseien, wenn auch Paus. 2, 24, 4 in den ZeusHerkeios der argivischen Larisa mit seinemdritten Stirnauge die dreifache Herrschaft hin-eindeutelte (vgl. 31. 31ayer, Gig. 111 gegenWelcher, G. G. 1, 030 und' Overbeck, Gr. Kunst-} myth. 2, 7. 258). Eher mag man sie sich mit; H. 11. Müller, Myth. d. griech. Stämme 1, 274ff.
aus dem Zusammentreffen der Kulte des achä-i ischen Zeus , des ionischen Poseidon und deskaukonischen Hades in der kleinasiatischeulas entstanden denken, wodurch die Mitwir-kung der so deutlichen Gliederung Griechen-lands in Himmel, Erde und Meer nicht aus-geschlossen wird, Robert-Preller 4 1. 106. Manverbrüderte diese drei verschiedenartigen Götterund ordnete ihnen als ihren Vater Kronos über,der nicht mit H. D. hliiller als der unterwelt-liche Zeus, noch als ein Erntegott, sondern alsein dem Orient entlehnter Gott zu erklären istfs. Art. El Sp. 1227, Kronos , Robert-Preller* 1,52). Homer hat den Idealcharakter des Po-seidon als des Meerkönigs und des Zeusbrudersfür die höhere Poesie und die.bildende Kunstaller späteren Zeiten festgestellt, aber da seineAuffassung aus dem engeren Gebiet einerKüstenbevölkerung entsprang, widersprach sieiu vielen Stücken dem umfassenden gemein-griechischen Volksglauben. Die von diesem so
Poseidon (nachhomerisch: Sturmgott) 2802
stark betonten das Binnenland befruchtendenEigenschaften des Gottes treten im homerischenEpos nirgend hervor, wenn sie nicht etwa dieWeissagung des Teiresias andeutet, Od. 11,121 ff. 23, 267 ff. Denn dieser fordert denOdysseus auf, zu seeunkundigen Menschen mitseinem Ruder landeinwärts zu wandern undes dort, wo es für eine Worfschaufel gehaltenwerde, in die Erde zu pflanzen und dem Po-seidon einen Widder. Stier und Eber zu opfern.
2. Der nachhomerische Poseidon.
Die nachhomerische Überlieferung hältdurchweg die Hauptzüge des homerischen Po-seidontypus fest und das wichtigste Macht-gebiet des Gottes bleibt auch nach ihr dasMeer. Aber wenn Paus. 7, 21 , 3 dem BeinamenΙΙεΧαγαΐος als gleichfalls gemeinhellenischeΆσφάλιος und Ίτιπιος und Plutarch, Qu. conviv.
5, 3, 1 als gleichfalls gemeinhellenischen Bei-namen ΦντάΧμιος hinzufügt, so deuten sie beideschon dadurch eine Erweiterung seiner Macht-sphäre über das Meer hinaus an. Diese wirdaber noch deutlicher aus seinen zahlreichenLokalsagen und -kulten, und zwar bringendiese nicht nur neuere, sondern auch unzweifel-haft ältere, vorhomerische Züge hinzu, diedas volkstümliche Urbild des Gottes schärferkennzeichnen, als es der vornehme Stil desheroischen Epos zuliefs. So gemahnen dennmanche von ihnen zunächst noch stark an denCharakter der meerdämonischen Vorbilder desGottes, der .Sturmdämonen, andere binnenlän-dische an den eines Gottes der Wolken undfliefsenden Gewässer.
Poseidon als Sturmgott. Der regen-und sturmreichste Monat Poseideon (De-zember—Januar) war ihm geweiht, Anahr. fr.
6. Am freisten aber äufsert sich seine Sturm-natur in vielen seiner zahlreichen Lieb-schaften, in denen er mit seinem Bruder Zeus wetteifert: Neptunus fratri par in amore loviPropert. 2, 26, 46 = Giern. Alex. Protr. p. 27,und zwar am deutlichsten gerade in den alter-tümlichsten, den mit den Gorgonen (s. d.),Harpyien (s. d.) und Erinyen (s. d.). Diesedrei weiblichen Gruppen sind unter sich etwaso wesensver-wandt wie die der Kyklopen undder Hekatonclieiren unter sich, indem sie ur-sprünglich die Wolken des Gewitters und desSturmes bedeuten, und werden deshalb auchvon Aeschyl. Humen. 48. Cho. 1048 mit ein-ander verglichen. Gleich bei Hesiod ist derunrwölkte Sturmgott deutlicher als bei Homer erkennbar, wenn er, wie bei Homer ein v.vavo-%uixr\Q (s. o. Art. Kyanochaites nr. 3) auf blu-miger Frühlingswiese am Okeanos mit der (Ken-taurin: ob. Sp. 2034) Medusa buhlt, aus derdann während ihres Kampfes mit Perseus seineSöhne Chrysaor (s. d.) der Blitz und das RofsPegasos (s. d.), βροντήν τε στεροπην τε ψερων,hervorspringen, Theog. 27 8 ff. Ein Mythus voneinem Frühlingsgewitter am farbigen Abend-himmel, das aus derUmarmung der Wetterwolkedurch den Sturm entsteht! Wir haben kein Recht,mit Mannhardt, Myth. Forsch. S. 277 in demoffenbar alten Mythus von der Erzeugung desPegasos durch Poseidon einen blofsen Analogie-