Band 
Dritter Band, zweite Abteilung. Pasikrateia. - Pyxios.
Seite
3205-3206
JPEG-Download
 

3205 Psyche (b. Homer)

erklärt auch Teiresias , dafs, -wen von den TotenOdysseus dem Blute sich nähern lasse, dafs derihm die Wahrheit sage; wem er es neide, dafsder wieder nach dem Hintergrund gehe (147 ff.).Über den Blutgenufs der Seelen vgl. z. B.Julius lAppert, Die Religionen der europ. Kultur-völker S. 277 f. Blut ist die eigentliche Seelen-speise, und auf dieser Grundlage erklärt sichder weitverbreitete Vampyrglauben, da liegenvielleicht auch die Wurzeln des Kannibalismus,vgl. Weicher a. 0. S. 2. Weiter das Ge-spräch des Odysseus mit seiner Mutter, dienun gleich, nachdem sie Blut getrunken, denSohn erkennt (11, 152224). Odysseus will

die Seele seiner Mutter umarmen, dreimal machter vergeblich den Versuch (s. o.): 'einem Schat-ten oder auch einem Traume gleich entflogsie den Händen {exifj είχελον η καί όνείρφ,vgl. βχιαί für ώς axial öd. 10, 495; der Ver-gleich mit einem Traum gleich wieder v. 222);..denn nicht mehr halten Sehnen Fleisch undKnochen zusammen, sondern dies bezwingt diegewaltige Wut des lodernden Feuers, sobaldder ϋνμάς die weifsen Gebeine verlassen hat;die ψυχή aber fliegt weg und schwebt dahinwie ein Traum wobei man für &υμός ananimus, für ψυχή an anima denken und darinvon einander unterschieden sehen möchte denmehr philosophischen Begriff 'Geist und diereligiös-mystische Vorstellung von der 'Seele. Bis hierher reicht der erste Teil der Nekyia,der in die Sphäre sehr alter Jenseitsvorstellungführt; nun folgt ein Katalog von Heroinen, dieAufzählung berühmter Frauen, die Odysseus ein-zeln vom Blute trinken läfst und befragt (11, 225bis 329). Und wie Persephoneia diese Seelenhinauf getrieben (v. 220), so zerstreut sie sieauch wieder (v. 385), und es kommt nun dieSeele Agamemnons (387466). Er erkenntOdysseus , sobald er Blut getrunken, und möchteden freund umarmen; allein es fehlt die Kraft;er kündet Odysseus dessen besseres Los (v.444 ff.). Es kamen ferner die Seelen des Achill ,die des Patroklos und des Antilochos und desAiasv. 467 ff.). Sogleich erkannte des Achil-leus Seele den Odysseus, wie es scheint, ohneBlut genossen zu haben · etwa, weil er ge-waltig herrscht unter den Toten? Doch istauch weiterhin nicht mehr die Bede vom Blut-trinken, und wenn Odysseus sagt: 'Du bist isehr geehrt unter den Toten (v. 485), so meinter daj wohl im Hinblick auf des Achilleus Ge-folge. Auf des Freundes tröstlichen Zuspruchaber erwidert dieser die traurig schönen Worte,die so bezeichnend sind für die homerische undfür die griechische Anschauung überhaupt,jene Worte über den Wert oder richtiger Un-wert des Schattendaseins nach dem Tode, v.489191, vgl. Verg. Ami. 6, 436 f. Waser,Charon, Charun, Charos S. 53 f. 86. Finsler, iHomer S. 467. 479 f. Dagegen freut Achill alsVater das Lob des Neoptolemos, der noch dro-ben im Lichte weilt und Heldentaten verrichtet.Und nit grofsen Schritten geht Achill zurückzur Aiphodeloswiese ( Od . 11, 539, dazu v. 573.24, 13 ; denn auf dem ασφόδελός λειμών schwe-ben d:e Schattenbilder der Verstorbenen hinund her. Es ist dies aber ein Anger, bedeckt

Psyche (b. Homer) 3206

mit dem Asphodelos benannten, üppig wuchern-den Unkraut, dem man in Griechenland undItalien begegnet, überall, wo die Kultur nichttätig ist, zumal auf steinigem Boden und san-digen Uferstrecken, mit grofsen Stengeln undBlättern und vielen blafsfarbigen Blüten, diekeine nährende Frucht tragen. Sehr oft siehtman Asphodelos auf attischen Grablekythen,z. B. auch auf dem Unterweltsbild vom Esquilini bei Baumeister, D. d. kl. A. (2) S. 858 Abb. 939,farbig bei Wotrmann, Gesch. d. Kunst allerZeiten und Völker 1, zw. S. 416 u. 417. Dieandern Seelen aber standen trauernd da undbefragten Odysseus über die Gegenstände ihrerSorgen; nur die des Aias blieb in der Fernestehen, noch grollend dem Odysseus, den sieirgendwie erkannt hat (11, 541 ff.), und ?,uf dieAnsprache des Odysseus antwortete sie nicht,sondern ging mit andern Seelen zum Erebosi zurück (11, 563 f.). Nun ist sicher spätererZusatz der Schlufs der Nekyia , eingeleitet mitdes Odysseus Verlangen, auch die Seelen derübrigen Toten zu sehen. Er sieht Minos , denBichter der Toten (11, 568 ff.), dann den jagen-den Orion (572 ff.), dann die drei Büfser-gestalten Tityos, Tantalos und Sisyphos (11,576600):Den Seelen dieser drei Unglück-lichen wird volles und dauerndes Bewusstseinzugotraut, ohne das ja die Strafe nicht empfun-den werden könnte und also nicht ausgeübtwerden würde ( JRohde 1, 61 f.). Endlich habeOdysseus in der Unterwelt das είδωλον desHerakles gesehen, wogegen 'er selbst, derwahre Herakles, unter den Unsterblichen weile(11, 601 ff.), und Herakles erkennt den Odysseus,sobald er seiner ansichtig geworden, und hälteine Ansprache an ihn, um dann wieder insHaus des Hades zu gehen (11: 615 f.). DiesePartie, da die Menschen nicht als Schatten,sondern in aller Wesenhaftigkeit fortleben,scheint erst im 6. Jahrh. zu Athen entstandenim Zusammenhang mit der orphischen Lehre,nach der es im Jenseits eine Vergeltung, Lohnund Strafe, gab, vgl. Finsler, Homer S. 475. Schliefslich packt den Odysseus die blasseFurcht, und er kehrt zurück zum Schiffe.

c) Die zweite Nekyia, Od. 24, 1204, offen-bar das letzte in die Odyssee gelangte Stück,das ohne Lücken zu hinterlassen aus dem Eposausgeschieden werden könnte; sie hat denZweck, nochmals die Schicksale des Odysseus und des Agamemnon in Parallele zu setzen,Finsler, Homer S. 474. Unerwartet taucht daHermes auf in seiner Eigenschaft als 'ψυχο-πομπός, als der er allenfalls noch Od. 11, 626zu erkennen ist, in einer gleichfalls spätenPartie, eben da, wo Herakles im Hades demOdysseus von der Heraufholung des Kerberos er-zählt: 'Hermes geleitete mich und die γλανχώπιςA&rjvr. Sonst gehen die Seelen überall ohnedes Hermes Geleite in den Hades ein; hieraber, in der zweiten Nekyia, ruft Hermes dieSeelen der von Odysseus getöteten Freier derPenelope zu sich heraus aus dem Palaste, woihre Leiber noch unbestattet liegen {Od. 24,186 f.). Hermes führt die ράβδος χαλή χρναείη,'mit der er die Augen der Menschen zuschliefst,welcher er will, und wieder vom Schlummer

101 *