Rhadamanthys (s. d.), der Genosse des Minos,teilte sich, mit diesem in die Verwaltung derInsel, indem er zum Richter in der Stadt be-stellt wurde, während Talos das übrige Kretaunter sich hatte (vgl. Hoeck, Kreta 2, 192; 196).In diesem Sinne wurde also auch Rhadamanthys zum Enkel des Talos; doch scheint die Genea-logie keineswegs allgemein anerkannt gewesenzu sein, wie denn das Verhältnis des Talos zujenem in ganz anderem Lichte erscheint (vgl.Suidas s. v. Tccjivgig. Athen . 13, 603 d); dennhier erscheint er als Liebhaber des Rhadaman-thys und hat nach dem kretischen Mythus denzweifelhaften Ruhm, die Knabenhebe einge-führt zu haben, wovon Ibylcos {fr. 32) undPhanokles ('Egcorsg xal xa%oi\ vgl. MercklinS. 42) gesungen haben. Vgl. den Art. Rhada-manthys Sp. 79 f.
Talos umw'andelte als Wächter der InselKreta diese täglich dreimal (vgl. Apollod. Ap.a. a. 0. Zenoh. 5, 85. Agatharchides = Phot,bibl. p. 443 R), nach Plato {Minos p. 320 C)dreimal im Jahr. Holland (S. 13) vermutet,daß diese täglichen Runden des Riesen auchim Daidalos des Sophokles vorgekommen seien.Hoeck (2, 71) sieht in dieser dreimaligen Wan-derung des Riesen deu mythischen Ausdruckfür die drei Jahreszeiten, in denen die Sonneihre Bahn um die Insel beschreibt. Wenn auchfür Griechenland die Zahl der Jahreszeitennicht überall und zu allen Zeiten feststand,so finden wir in Kreta den Einfluß des Orientesgerade in der Talossage so ausgeprägt, daßwir zu einer Gleichsetzung der SonnengötterBaal und Talos uns verstehen müssen. WieBaal die dreifache Tages- und Jahressonne be-deutet {Mercklin S. 44), auch der SonnengottHerakles mit drei Äpfeln in der Linken ab-gebildet ist, die nach Lydus {de mens. 4, 46)die Dreiteilung der Zeit andeuten, so ist indem gleichen Sinne der Beiname des TalosTQiyiyag und der des Sonnengottes MithrasZQirtluGios zu deuten. Mit diesem ist Talosauch sonst in Verbindung zu bringen; heißt M.doch in den Zendbüchern (vgl. Preller 2, 127)der blendende, mächtig laufende Held, unddies stimmt zu unserer Deutung des Epitheton^alxovs bei Talos .
In Sophokles ’ Daidalos erscheint Talos imDienste des Minos als Wächter. Dieses Stückhalten Welcker {Kriech. Trag. 1 , 73 ff. Holland S. 13. Mercklin S. 59; 88) für ein Satyrdramaund neigen der Ansicht zu, daß T. darin alsUnhold geschildert ward. Welcker identifiziertaber außerdem den Daidalos (vgl. Find. Nem.4, 59. Arch. Jahrb. 1, 20. Kuhnert a. a. 0. S. 197.v.Wilamowitz , Nachr. d. Ges. d. Wiss. Gott . 1895,222. Pauly-Wissoica 4, 1995) mit Hephaistos und läßt Satyrn mit beim Schmieden des T.{GcpvQoxoitoi) behilflich sein, die, als sich dasWerk der Vollendung nähert, von Schreck er-faßt werden. Wahrscheinlich war in dem Stückauch noch ein Gespräch zwischen dem Königund dem Meister oder den Satyrn enthalten,um über den Zweck des T. Auskunft zu geben.Dagegen darf man nicht, wie es F. W. Wagner{Poet. trag. Gr. fr. 1, 238) tut, den T. in diesemStück für ein Werk des Daidalos ansehen;
denn dieser hat nichts mit Metallarbeit zu tun.Vielmehr war das Verhältnis des Daidalos imStück dem T. gegenüber das des Gefangenenzum Wächter, den er zu übertölpeln sucht, umder Haft zu entrinnen. Dies konnte den Stoffzu einem Satyrdrama geben, bis Daidalos durchdie Luft entkam. Denn Ovid {Med. 8,185) sagt:Clausus erat pelago (durch Talos), terras licet ,inquit, et undas obstruat (nämlich T.). AlsoT., der unermüdliche Wächter der Insel, hin-derte ihn an der Flucht {Ovid . Met. 8, 183 ff.).Danach war der Künstler nicht im Labyrintheingesperrt ( Holland S. 14), sondern nur vonder übrigen Welt abgeschnitten; denn Minos hatte gar keinen Grund, den Künstler einzu-schließen, nur wollte er verhindern, daß dererfindungsreiche Mann ihm verloren ginge.Wenn Kuhnert (S. 189 A. 9) die Möglichkeitoffen läßt, daß T. von Daidalos getötet wird,der sich dann befreit und auf Flügeln ent-kommt, so ist erstlich von diesem Tode nirgendsdie Rede, und andrerseits hätte der Meisterdann überhaupt keine Flügel mehr gebraucht;denn es hätten ihm dann alle Wege zum Ent-kommen offen gestanden.
Eine eigentümliche Art der Bestrafungharrte der Fremden, die, ohne sich durch dieSteinwürfe des Riesen abschrecken zu lassen,auf der Insel landeten. Eustath. {Od. 20, 302p. 1893) erzählt, T. sei ins Feuer gesprungen,habe seine Brust glühend gemacht und danndie Ankömmlinge umarmt, während der Scho-Hast zu Plato {Kep. 1, p. 396) sie im Feuerverbrennen läßt. Diese Todesarten werden mitder Erklärung des Sardanischen Lachensin Beziehung gebracht {Mercklin S. 45; 77; 87.Welcker 1, 74 fi), worüber schon im Altertumkeine rechte Klarheit geherrscht zu habenscheint. Die Griechen unterschieden nämlichnach den einzelnen Stämmen und Gegendenverschiedene Arten des Lachens, wie γέλωςΜεγαρικός, Ιωνικός. So leitet auch Timaeus{Suidas s. v. Σαρδάνιος γέλως) den Hamen vonSardinien ab, ebenso Simonides . Gestützt aufdiese Etymologie macht Zenobios (5, 85) denT. sogar zu einem Sardinier. Dagegen berich-tet Demon (bei Suidas a. a. 0.), daß in Sar dinien nicht nur die Greise durch die Händeihrer Söhne den Tod freudig erwartet hättenund unter Lachen gestorben wären, sondernauch die schönsten der Gefangenen. Weiternennt Klitarch (bei Suidas a. a. 0.) das Ver-zerren des Mundes der Kinder, die in Kar-thago dem Moloch geopfert wurden, ein grin-sendes Lachen. Und der Scholiast zu Plato sagt über die von T. Bestraften: από τοϋ as-αηρέναι duz την φλόγα τον οαρδάνιόν φηβιΧεχ&ήναι γέλωτα. Daß der Name überhauptnichts mit Sardinien zu tun hat, dafür ist dasScholion {ad Plat. rep. 1, 337) ein Beweis:οντω äh Σαρδόνιος αν λέγοιτο και ον Σαρδά-νιος. Es trifft also die Erklärung des Simo-nides {Suidas ) mit der des Scholiasten zu-sammen : σεαηρέναι = έττιχαίνειν, und Mercklinbegründet diese Ableitung von σαίρω, indemer die Form αάρδην als Mittelform annimmt,die sich zu βαίρω verhält wie Άρδην zu αίρω(S. 81 ff.).
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