191 Teiresias (Prophezeiungen)
Oed. d. Sen. [Bh. Mus . 1878. Bd. 22, 278 ff.]).Als nun diese Art der Weissagung nicht dengewünschten Erfolg hat, ordnet er ein Preis-lied des Bacchus an, während er den Schattendes Laios herauf beschwören will. Die Rolle,die T. bei Soph. im Oid. Tyr. hat, ist in diesemStücke dem Kreon übertragen, der der Be-schwörung beiwohnt und erst durch Drohungenvon Oidipus sich zur Mitteilung der von Laiosgesprochenen Worte bestimmen läßt. DieseBeschwörungsszene hat Seneca von Soph. nichtübernehmen können; sie soll von Euripides ausdessen verloren gegangenem Oidipus nachWelcher {Gr. Tr. 3, 1454) entlehnt sein. Dochscheint sich die Sache so zu verhalten, daßdiese Neuerung von Seneca selbst herrührt, in-dem Szenen der Nekromantie in die epischenDichtungen einzustreuen im ersten nachchrist-lichen Jahrhundert Mode geworden war ( Brauna. a. 0. 270). Denn Astrologen, Magier undGeisterbeschwörer hatten seitEnde der Republik immer mehr Anklang in Rom gefunden. Seneca nun hat dieses Motiy in die Tragödie einge-führt. Parallelen zu dieser Beschwörung sinddie Prophezeiung vom Ende des Krieges anSextus Pompeius bei Lucan . ( Thars . 6, 507 ff.)und die Geisterbeschwörung, die Eteokles durchT. bei Statius (Theb. 4, 406ff.) anstellen läßt.
Es ist natürlich, daß von T. eine ganzeReihe berühmter Prophezeiungen undEnthüllungen bekannt sind:
1. eröffnet er dem Amphitryon, daß Zeus seiner Gemahlin Alkmene beigewohnt habe(.Apollod . 2, 4, 8);
2. verkündet er dem Narkissos den Tod, fallser sich selbst schauen würde (Ov. Met. 3,346ff .);
3. enthüllt er das Geschick der Echo (Ov.Met. 3, 348 ff.);
4. rät er dem Könige Pentheus von Theben,dem Enkel des Kadmos, sich der Einführungdes Dionysoskultes in Theben nicht zu wider-setzen, und kündet ihm für den Fall einesWiderstandes sein Verderben an (Ov. Met. 3,511 ff.). Nach Nonn. Dionys. 44, 95 ff. hatteer schon dessen Großvater Kadmos zur Ein-führung des Kultus zu bestimmen gesucht( Creuzer , Deutsche Schr. s 4, 143);
5. klärt er den König Oidipus über seineAbkunft auf und verkündet ihm seine bevor-stehenden Schicksale (Soph. Oid. Tyr. 444 ff.).
6. befiehlt er dem Laios wegen seines Ver-brechens an Chrysippos die Göttin Hera yapo-etolog zu versöhnen (nach Peisandros. b. Schol.Eur. Phoin. 1760) und ihr in ihrem heiligenBezirke am Kithairon Sühneopfer zu bringen(vgl. Bethe, Theb. Heldenl. 9);
7. sucht er Laios von seiner Reise zu Apolloabzuhalten und zu einem Opfer an Hera ver-gebens zu bestimmen (Peisandros a. a. 0. Maaß,Comment. Mythoqr. Ind. Scholar. Greifswald 1894, 3 ff.);
8. rät er dem Kreon, den Oidipus aus. The-ben auszuweisen (Eur. Phoin. 1589 ff'.).
9. prophezeit er dem Kreon seinen undseines Sohnes furchtbaren Untergang (Soph.Ant. 1045 ff.);
10. weissagt er Thebens Untergang (Stat.Theb. 10, 594ff.);
11. verspricht er den Thebanern den Siegüber die Argiver, wenn Menoikeus, KreonsSohn, um den noch immer wegen des Drachenszürnenden Ares zu versöhnen, sich freiwilligopfern würde (Eur. Phoin. 834 ff. 931. 1009.1090. Stat. Theb. 10, 756 ff. Hygin f. 68. Apol-lod. 3, 6, 7. Script, hist. poet. Gr. p. 377. Phi-lostr. Imag. 1 , 4. Gruppe 533. Preller-Plew 32, 359. Overbeck, Her. Gal. 133. Stengel, Gr.Kultusaltert. 89);
12. rät er den Thebanern, die im Kampfemit den Epigonen wiederholt unterlegen waren,mit den Feinden einen Waffenstillstand zuschließen und in der Nacht heimlich zu fliehen,um sich vor völliger Vernichtung zu retten(Apollod. 3, 7, 3. Preller-Plew s 2, 367).
Die gewaltige übermenschliche Kraft, diedem T. innewohnte, erlosch aber nicht mitseinem Tode, sondern nach seinem Abscheidenvon der Oberwelt wurde seine göttliche Seher-gabe erst recht gewürdigt und schmerzlichvermißt. Es schien den Menschen an denGrenzen der historischen Zeit, als ob jenerProphet der göttlichen Offenbarung für sie un-entbehrlich sei, und so wandten sie sich nunan seinen Schatten um Rat und Hilfe. DieAnrufung des T. durch Odysseus ist daserste bezeugte Beispiel des Eindringens dermenschlichen Neugierde in die Welt jenseitsdes Grabes (J. Jaekel, Teiresiasorakel, Diss.Linz 1866. Welcher, Ulysse invoquant l’ombrede Tiresias 79ff.). Wenn Stengel a. a. O. 56 derAnsicht ist, daß in der Odyssee weder eineSpur noch Andeutung von einem Totenoxakelzu finden sei, und Lobeck (Agl. 316) jede Kennt-nis von Seelenbeschwörung in den homerischenGedichten leugnet, so wird nachgewiesen wer-den, daß es sich id der Nekyia um die ältesteTotenbeschwörung handelt. Etwas muß dieserBefragung zugrunde gelegen haben, und zwarsicherlich Orakel, die T., der auch im Tode dieHelligkeit des Geistes bewahrt hatte, aus derUnterwelt emporsandte (Bohde, Psyche 118 Anm.,Preller-Bobert 810). Der Dichter der Nekyialäßt nun in seiner dichterischen Freiheit dieseBefragung statt auf der Oberwelt in der Un-terwelt stattfinden, aus dem naheliegendenGrunde, weil er auf Schritt und Tritt Märchen-länder schildert (Preller-Bobert 809 f.) — Odys-seus ist zum Hades gefahren (Hom. ·/. 490),um sich auf Anraten der Kirke von T. 'denWeg und die Maße der Rückkehr’ weisen zulassen (X 90 ff.). Gruppe vertritt die Ansicht,daß die Anrufung des T. ursprünglich in Til-phossion stattgefunden habe und erst späterin den fernen Westen verlegt worden sei (Gr.Myth, 78 A. 5, 625), und die im 6. Jahrh. inKyrene entstandene Telegonie hat wahrschein-lich Trophonios den Schatten des T. zitiert,der daraufhin dem Odysseus Sühneopfer inIthaka und längere oder kürzere Verbannungvorschrieb, beeinflußt durch die Sagen von Phe-neos und Mantinea, die zu Kyrene in Beziehungstanden (Gruppe 716 f.). Von Homer ist un-zweifelhaft angegeben worden, daß Odysseus nicht etwa bloß einen Eingang zur Unterweltbetreten hat, wie es viele gab, sondern daß erin der wirklichen Unterwelt sich aufgehalten
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