Band 
Fünfter Band. T.
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197-198
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197 Teiresias (Kult zu Orchomenos )

goldenen Stab zuschreibt, den Schluß, daßjener ihn nur als Augur gekannt habe, einbloßes Augurorakel aber in Griechenland nichtvorgekommen sei. Daraus folgert er, daß daseigentliche Orakel des T. einmal bestandenhabe, aber bald untergegangen und so T. nurals Augur in Erinnerung geblieben sei. Undzwar müßte dieses von Plutarch erwähnte Ein-gehen des Orakels schon vor Homer eingetre-ten sein, da es undenkbar wäre, daß T. gleich-zeitig auf der Oberwelt Sprüche erteilte undin der Unterwelt weissagte, da ja dann Odys-seus nicht nötig gehabt hätte, T. bei denSchatten aufzusuchen. Es bedarf, um dieseAusführungen zu widerlegen, nur des oben an-geführten Hinweises, daß T. für einen dervielseitigsten Seher galt und Homer gerade dieOrakelsprüche, die jener aus seiner Gruftheraufsandte, für seine Zwecke umbildete undmit dichterischer Freiheit den berühmten Seherin der Unterwelt auftreten ließ ( Bohde a. a. 0.1, 123). Also nicht das Eingehen des Orakels,von dem Plutarch {de def. orac. 44 p. 434 C)spricht, ist für den Dichter der Nekyia derAnstoß gewesen, den T. zu den Schatten zuversetzen, im Gegenteil, er nutzte die Anrufungeines in der Erde hausenden dämonischenWesens für den gegenwärtigen Vorstellungs-kreis aus, dem an ein unterirdisches Lokal ge-bundene Wesen damals schon unverständlichwaren. Die weitere Annahme Schwencks voneinem Wiederaufblühen und einer erneuten Ver-drängung des Orakels müssen wir übergehen.

. Dieses XQrjS-vrjgiov des T. zu Orchomenos ,wie es gewöhnlich heißt, ist ohne Zweifel einErdorakel, d. h. Inkubationsorakel {Nitzsch ,Anm. z. Odys. 3, löl) gewesen, obschon Plu-tarch das nicht ausdrücklich gesagt hat. Es.ergibt dies aber der Zusammenhang, in demer davon handelt (vgl. Bohde 1, 118), da er esmit dem Traumorakel von Mallus zusammen-stellt und überhaupt lokale Einwirkungen vonDünsten aus der Erde voraussetzt (K. F. Her-mann a. a. 0. § 41, 11). Es ist also nicht einTotenorakel gewesen, wo Tote beliebig zitiertwerden konnten, sondern ein Orakel, wo inTräumen oder sonstigen Visionen der Sehererschien (vgl. Stengel a. a. 0. 54 f. Hägelsbach,Hachhomer. Theol. 190. K. F. Hermann a. a. 0.Bohde 1, 120ff. Preller-Bobert 810). Stengel'.S. 56 faßt es als Totenorakel auf, fügt aberhinzu, daß es von den von ihm S. 54 f. erwähn-ten Traumorakeln nicht sehr verschieden ge-wesen sei.

Nach Plutarch a. a. 0. verstummte diesesOrakel des T. infolge einer Pest, in der vielVolks umkam, und trat seit dieser Zeit niewieder in Tätigkeit. Über die Zeit nun, inder diese Seuche eingetreten sein soll, verlautetgar nichts. Es muß also dieses Erlöschen des (Orakels sehr lange zurückgelegen haben; sonsthätte wohl Plutarch etwas Näheres darüber an-gegeben. Anscheinend hat er selbst nichts dar-über in Erfahrung bringen können. Nun ge-nügt freilich ein Mangel an Rat bei einerSeuche allein noch nicht, um ein wirklich an-gesehenes und bewährtes Orakel zum Schwei-gen zu bringen. So viel Freiheit in den Sprü-

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chen, so viel Möglichkeiten, Bedingungen zustellen, daß dies oder jenes geschähe, bestandfür ein Orakel, daß bei dem bisherigen Glaubenan seine Unfehlbarkeit ein Mißlingen eher allemanderen als seiner plötzlich eingetretenen Un-fähigkeit zugeschrieben werden mußte. Eskonnte diese Pest nur eine vorübergehendeErscheinung sein, und da wäre das Verstum-men nicht recht verständlich gewesen. Zumo anderen müssen wir uns aber vergegenwärtigen,daß Orchomenos unter der zunehmenden__Ver-sumpfung der Umgebung durch die Über-schwemmungen des Sees litt, die Fieber er-zeugten. Nach übereinstimmenden Nachrich-ten ist man aus diesem Grunde schon in altenZeiten zur Verlegung der Stadt geschritten{Baedeker a. a. 0. 199). Hängt also das Ver-stummen des Orakels vielleicht mit diesem Er-eignis zusammen, bei dem die Stimme des T.e versagt hätte? In diesem Falle wäre die er-wähnte Pest der symbolische Ausdruck für einelange Reihe von Verwüstungen, die die alteStadt heimsuchten. Aber noch in anderer Weiseließe sich die Pest als symbolischer Ausdruckdeuten: als nämlich Orchomenos in spätererZeit durch eine Kette von Verwüstungen undZerstörungen immer mehr von seiner früherenBlüte einbüßte und eine Stadt zweiten Rangeswurde. So wurde infolge des unablässig fort-) schreitenden Unglücks T. müde, immerfort eineverlorene Sache zu stützen, und sein Mund ver-stummte. Bouche-Leclercg scheint dieses Ein-gehen in eine sehr späte Zeit rücken zu wol-len, da er die Verehrung des Asklepios, desSerapis und der Isis an die Stelle des verges-senen Sehers, treten läßt (3, 333), von denenjener viele Ähnlichkeit mit T. besitzt (vgl.Bohde 1, 141 ff.).

Es kann diese Pest aber auch nur eine voni Plutarch erfundene Motivierung sein, brauchtalso nicht verbürgt zu sein, oder diese Legendehat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Wirhaben oben gesehen, daß T. als Seher des Zeus bezeichnet und ferner nur noch zu Athena inBeziehung gesetzt worden ist. Bei den Tra-gikern hingegen erscheint er durchaus als derDienerundVertreter desApollon. In derErzählung des Sostratos von T. {Fustath. Schol.Hom. x 494 p. 1665, 47 ff.) lehrt Apollon den T.,der hiernach anfangs ein kleines Mädchen ge-wesen sein soll, die Musik und Mantik, undschließlich nach sieben Verwandlungen stirbtT., indem er in eine Maus verwandelt wird.Hieraus können wir ersehen, wie der Kult desApollon sich des Ruhmes des T. zu bemächtigengesucht hat. Einmal soll nach dieser LegendeT. seine Prophetengabe dem Apollon verdanken.Ferner galt die Maus im allgemeinen für einprophetisches Tier, und besonders war sie demApollon heilig {Gruppe 803). Schon hierin kön-nen wir also eine mythologische Verbindungzwischen T. und Apollon feststellen. Ferner be-kämpft während des Krieges der EpigonenApollon den T. {Apollod. 3, 7, 2); denn wie diesejenen befragt hatten, offenbarte er ihnen dasunfehlbare Mittel, den Sieg zu gewinnen, in-dem er sie veranlaßte, den Alkmaion zumFührer zu nehmen. Und der Krieg endete mit