199 Teiresias (lokaler Orakelgott?)
4er Vernichtung der Stadt, dem Tode des T.und der Weihung der Manto nach Delphi. DerTod des T. ■während des Epigonenkrieges amQuell Tilphussa scheint demnach der delphi-schen Priesterlegende zu entstammen. Zudembemächtigte sich der Kult des Gottes, begün-stigt und unterstützt durch seine rührigePriesterschaft in Delphi , der Nachkommenschaftdes T. Nach dem Falle Thebens wurde Manto,seine Tochter, sie selbst eine berühmte Seherin,unter den Erstlingen der von den Argivern demApollon für die Eroberung Thebens gelobtenBeute nach Delphi geweiht ( Apollod. 3,7,4),und bezeichnenderweise heißt sie als solchebei Diod. (4, 66) nicht Manto, sondern Daphne,d. h. Seherin des Apollo (vgl. Panofka, DerMantositz am Ismenion [Archaeol. Ztg. 1845,56 ff.]). Weiterhin ist Manto von Delphi nachKolophon geschickt worden, um dort demApollon zu dienen (Paus. 9, 33, 2). Ihr und desEhakios Sohn Mopsos ist Seher in Kolophon ,also Diener des Apollon (Paus. 7, 3, 2). Der Toddes T. und die Versklavung der Manto wird inder Mythensprache wohl die Bedeutung gehabthaben, daß es mit Tätigkeit des alten Orakel-verkünders T. nunmehr aus ist und er von einemNachfolger abgelöst wird. Dies erfahren wir imweiteren noch deutlicher. Die Quelle Tilphussaverschwindet, zwar nicht vollständig, aber ihreUmgebung leidet immer mehr unter der Ver-sumpfung der Gegend, und sie selbst gerät indas Sumpfgebiet, so daß sie den Namen Quellenicht mehr verdiente (Baedeker a a. 0. 169).Die delphische feindliche Priesterschaft erzähltenatürlich, daß sie in die Unterwelt versunken,und zwar von Apollon hinabgestoßen wordensei, weil sie einen Tempel des Gottes zu bauennicht habe gestatten wollen (Strab . 9, 27 p. 411.Dom. h. 2, 204ff. Pind. fr. 198B. 4 ). Die Woh-nung des alten Sehers bildete sein Grab. Diesblieb bestehen, aber auf der Höhe über demGrabe erhob sich nun der Tempel des Gottes,der nunmehr Orakel erteilte, des Apollon (Paus.9, 33, 1. Strab. 9, 36 p. 413; 27 p. 411. Bur-sian , Geogr. von Griechen!. 1, 234. Baedekera. a. 0.). Aus dem oben Ausgeführten erhellt,daß T. ein lokaler Orakelgott gewesen ist,dessen Verehrung auf ein kleines Gebiet be-schränkt blieb. Bei dem Eingehen des Kultesbraucht nicht einmal an ein Verdrängen imfeindlichen Sinne gedacht zu werden. Es kameine neue Zeit, der das Verständnis für diealten Götter abging. So mußte Kronos seinRegiment an Zeus abgeben, und T. fand inApollon , der sich unter den Olympischen Göt-tern zum Orakelgott κατ’ Ιξ,οχήν entwickelte,seinen Nachfolger. Zwei Orakelgötter in sounmittelbarer Nähe wie T. in Tilphossion undApollon in Delphi waren auch zu viel; einermußte weichen. Wie die Verehrung des Tri-ton durch den Kult des Dionysos ersetzt wurdeund die Verdrängung als ein Kampf geschil-dert wird (Paus. 9, 20, 4; 5), wie in Delphi unter dem Omphalos der Erdgöttin im Tempeldes Apollon ein göttliches Wesen, Python, be-graben lag, also ein Gott über dem Grabe desandern seinen Sitz aufgeschlagen hatte (Varro ,L. L. 7,17. Bescher, Omphalos 66. Des. s. Το'ξίον
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ßovvog. Bohde, Psyche 3 1, 132), wie demnachApollon selbst in Delphi als Eindringling aner-kannt wird, so sehen wir, daß in Tilphossionan die Stelle des alten Erdorakels Apollon sei-nen Tempel setzte und selbst an Stelle des T.Sprüche erteilte. Ein besseres Los hatten Am-phiaraos und Trophonios; ihre Verehrung undihr Ansehen blieb selbst in späten Zeiten un-beeinträchtigt, und ihre Göttlichkeit wurde an-erkannt, indem sie als Zeus Amphiaraos undZeus Trophonios angerufen wurden (Ps.-Di-kaiarch, Descr. Gr. I 56 (Geogr. Gr. Min. 1,100).I. Gr. Sept. I, 3498; 412. Meister, Boot. Jnschr.423 (Collitz, Gr. Dialektinschr. 1 , p. 163)). Aufdiese Weise haben diese beiden die Umwand-lung vom Gotte zum Menschen und zurück zurGöttlichkeit durchgemacht, T. nur die vom Gottezum Menschen mit erhöhtem Range im Hadesund mit göttlichen Ehren bei den Thebanern(Diod. 4, 66).
Die Umwandlung des Orakelgottes T. zumsterblichen Seher, als welchem wir ihm zuerst inden Sagen des Desiod und Pherekydes in seinenBeziehungen zu Zeus und Afchena begegnen,hat wohl die Nekyia und die delphische Prie-sterschaft zu Wege gebracht. Diese, die denunbequemen Nebenbuhler iDres Gottes be-kämpfte, hat auch die Sage eirfünclöfi, däß T.— analog dem Python in Delphi — in Til-phossion begraben sei, eine Version, die vonder Heldensage weiter ausgfesponnen wordenist. Jene hat die Befragung des T. in dieUnterwelt verlegt und ihn dadurch zum Sterb-lichen herabgedriickt; denn im Hades befan-den sich ja nur die Seelen der Abgeschiedenen.Aber er wurde hier nicht als gewöhnlicherSterblicher aufgefaßt; denn die Erinnerung anseine ursprüngliche Göttlichkeit verlieh ihmeinen erhöhten Rang unter den Schatten und,die Sage nunmehr rückwärts bildend, ein Le-ben auf der Oberwelt von ungewöhnlicherLänge, das ihn ebenfalls über alle Sterblichenerhob. Zu Apollon, der ihn verdrängt hatte,trat er sodann als sein Prophet und Verkün-der seines Willens in Beziehung. Die Helden-sage und Tragödie hat im Laufe der Zeit dieRolle, die der sterbliche Seher auf Erden ge-spielt hat, weil ein Seher von sieben Menschen-altern und mit ungeschwächtem Verstand imHades kein Verständnis mehr fand, so erwei-tert, daß jede Erinnerung an seine Göttlich-keit verwischt wurde. Und so blieben nurSagen von seinem irdischen Dasein im Schwange.
Bildwerke.
1. Die Unterredung zwischen T. unddem Könige Oidipus (Fig. 1) ist anscheinendauf einem Vasenbilde dargestellt, das Baoul-Bochette (Monmn. inedits pl-78) zuerst bekanntgemacht und K. 0. Müller (Ddb. d. Arch. § 412,3 S. 643) trefflich gedeutet und erläutert hat(vgl. Overbeck, Deroengall. Taf. 2,11. Pmofka,Arch. Ztg. 3. Jahrg. 1845, 53f.). Der blindeSeher, in reich geschmücktem Gewand undSchleier, stützt sich mit seiner Linken auf einenKnaben, der ihn führt wie in Soph. 0<ä. Tyr.und einen Lorbeerzweig trägt, das Zeichen desapollinischen Propheten. Einen mit einem
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