Band 
Fünfter Band. T.
Seite
1309-1310
JPEG-Download
 

1309

1310

Tyche

Tyche (Τύχη), eine Personifikation, derenvielseitige Bedeutung sich schwer in einer kur-zen Charakteristik zusammenfassen läßt. Inder älteren Zeit erscheint sie vornehmlich alsSpenderin des Glücks und Woblgelingens über-haupt. Allmählich aber nimmt das Wort τύχηeinen umfassenderen Inhalt an. Es ist baldblindes Ungefähr, Zufall, bald Schicksal, Lei-tung und Fügung im guten und bösen Sinne,und auf die Tyche wird alles Geschehen, Glückwie Unglück, zuriickgefiihrt. Sie ist demnacheine Art Schicksalsgottheit und wird von Pin-dar geradezu als eine der Moiren bezeichnet;in weit zahlreicheren Fällen erscheint sie alsGöttin eines wandelbaren Glücks, und in demlaunischen und unberechenbaren Wechsel ihrerMachtäußerungen ist sie kaum etwas anderes alsder blinde Zufall. Um so notwendiger empfan-den fromme Gemüter das Bedürfnis, ihre guteSeite zu betonen und sie in der besonderenGestalt der Αγα&η Τύχη zu verehren. Auf deranderen Seite wächst mit dem Schwinden desGlaubens an die Olympier namentlich seit derZeit Alexanders des Großen die Bedeutungdieser Zufallsmacht, die sich wie die römischeFortuna allmählich zur 'Allgöttin (H. Usener ,Götternamen 339) entwickelt. Von ihrem Ein-fluß auf die menschlichen Geschicke wissenuns die Schriftsteller in immer neuen Wen-dungen zu erzählen. Einen Mythus hat dieT. nicht gehabt. Wo wir von einem Kult hören,galt er jener Αγα&η Τύχη oder der Glücks-göttin überhaupt, sofern man ihren Segen imLeben des einzelnen oder ganzer Gemeinwesen(Τύχη κόλεωρ) zu verspüren glaubte.

Oie Ableitung des Namens von τυγχάνω zu-teil werden, zufällig auf etwas stoßen (weiteress. u.) begegnet keinen Schwierigkeiten. BeiGornutus 13 heißt es: Τύχη δε άττο τον τεν-χειν ημίν τας ττεριατάοεις καί των ουμχιτζτόντωντοϊς άνϋράιχοις δηοιονργος είναι. Η. Lewy,Jahrb. f. kl. Phil. 145 (1892), 761 setzt T. inBeziehung zu Phoibe, der Strahlenden, derfrüheren Herrin des delphischen Orakels, undder aus der Ferne treffenden Hekate; er faßtT. in demselben Sinn als 'Trefferin, da τυγ-χάνω bei Homer häufig vom Treffen der Ge-schosse gesagt werde. Gegen diese Erklärungeiner sonst nicht nachweisbaren aktiven Be-deutung der T. hat sich bereits Giuppe, Gr.Bel. G. u. Myth. 1498 Anm. 7 (= S. 1499) aus-gesprochen.

Literatur: Am ausführlichsten bis jetztF. Allegre, Ftude sur la detsse grecque Tyche,Paris 1889 und die Bezension von A. Bouche-Leclercq, 'Tyche ou la Fortune, Bevue deThistoire des religions 23 (1891), 273307.Ferner Zoegas Abhdlgen. herausg. von F. G.Welcher, 3255; Ed. Gerhard, Griech. Mytho-logie §§ 154, 597, 599; derselbe 'Über Agatho-dümon und Bona Dea Ges. akad, Abh. u. kl.Sehr. 2, 21 ff.; Chr. NägeUbach, NachhomerischeTheologie 153 ff.; F. G. Welcher, Griech. Götter-lehre 2, 799 ff.; K. Lehrs, Populäre Aufsätze !175 ff ; Leop. Schmidt, Ethik d. a. Griechen 1,63 ff.; H. Meuss, Tyche bei den attischen Tra-gikern, Hirschberger Gymnas. - Programm von1899. Derselbe, Oie Vorstellungen von Gottheit

Tycne

und Schicksal bei den attischen Bednern, Jahrb.f. kl. Phil. 139 (1889), 468ff.; E. Bohde, Dergriech. Boman a 276 ff. (die Zitate nach der1. Auf!.); Preller - Bobert, Gr. Mythologie 4 1,539 ft.; F. Bösiger, Die Bedeutung der T. beiden späteren griech. Historikern, bes. bei De-metrios v. Phaleron, Konstanzer Gymn.-Progr-von 1880; B. von Scala, Die Studien des Po.lybius 1, 169ff.; Daremberg-Saglio, Dict. desant, Artikel 'Fortuna von J. A. Hild 1264ff.;Boschers Myth. L. Artikel ' Personifikationenvon B.Deubner, vgl. RegisterSp. 2169; O. Gruppe,Griech. Bel.-G. u. Myth. bes. 2, 1086 Anm. 3.Vgl. Register.

1. Literarische Zeugnisse für TyeheMs zu Pimlar.

Homer kennt die T. noch nicht. Das be-zeugen bereits von den Alten Macrob. Sat. 5,16, 8 (Fortunam H. nescire maluit et soli de-creto, quam μοίραν vocat, omnia regenda com-mittit adeo, ut hoc tocabulum τύχη in nullaparte Homerici voluminis nominetur) und Lyd.de mens. W4, 7; vgl. Schol. zu Ilias Λ 684.Die erste Erwähnung findet Pausanias 4, 30, 4im'hom.Demeterhymnus 420, wo die OkeanideT. unter den Gespielinnen der Kore aufgeführtwird. Als Tochter des Okeanos und der Thetisist T. mit vielen Schwestern in der hesiodei-schen Theogonie 360 genannt. Die Frage, obdiese T. von der späteren Göttin zu sondernsei (so E. Bohde, Gr. BomJ 276, Anm. 2 undA. Kalkmann, Pausanias der Perieget 218;anders 0. Gruppe, Gr. Bel.-G. u. Myth. 1086Anm. 3), läßt sich mit Gewißheit nicht ent-scheiden. Jedenfalls deutet von dem Augen-blick an, wo T. in der späteren Literatur her-vorzutreten beginnt, außer dem Namen nichtsauf einen Zusammenhang mit der Okeanidehin. Daher kann man nicht mit Allegre, Etüdesur la deesse gr. T. 8 f. aus dieser Genealogieder Meerestochter das Wesen der T. als einerländlichen Glücks- u. Seegöttin ableiten,da in jener älteren Zeit Glück und Reichtumhauptsächlich in dem von der Bewässerung ab-hängigen Bodenertrag (auch Welcher, Gr. Götterl.

2, 799 sieht in der Erwähnung der OkeanideT. einen Hinweis auf den'Reichtum vermittelstdes Wassers) und dem durch Seefahrt erwor-benen Handelsgewinn begründet gewesen seien.

i Gegen s. Auflassung: 0. Gruppe a. a. Ο.; A.Bouche-Leclercq , Bevue de lhistoire des rel. 23(1891) 281 u. 296; I. A. Hild in Daremberg-Saglio 'Fortuna 1265. Den deutlich ausge-sprochenen Charakter einer Seegöttin hat T.niemals gehabt. Die Stelle Pindar Ol. 12, 3:'Von dir werden auf dem Meer die schnellenSchiffe gelenkt zählt diese Eigenschaft nebenanderen Machtäußerungen der Göttin auf, umso ihren Einfluß auf das menschliche Leben,wo es immer sich abspiele, auszumalen. Eben-so läßt sich die Stelle bei Aesch . Agam. 664dahin erklären, daß die Gunst der T. als einerwohlwollenden Macht überhaupt die Rettungaus Sturmesnot ermöglicht bat. Daß ihr Tempelund der der Dioskuren auf der Akropolis vonSikyon von Pausanias 2, 7, 5 nebeneinandererwähnt werden, beweist um so weniger, alsder Beiname ακραία dort gerade auf die Stadt-