1311
Tyche
göttin deutet. Die Ergänzung I. Gr. 2, 3,1206;wo Keil Αφροδ irr) Ενπλοία Τ[ύχην] άνέ&ηχενlesen wollte, ist unsicher. Das Steuerruderendlich ist vou den alten Erklärern (s. u.) nieals Attribut der Seegöttin, sondern der dasmenschliche Leben lenkenden (χνβερναν so oft)Schicksalsmacht aufgefaßt worden. Das schließtnicht aus, daß T. gelegentlich späterhin alsBeschützerin der Seefahrt angesehen wurdeSo erscheint die Τύχη πόλεως auf Kaisermün-zen von Byzanz mit Schiffsvorderteil [Piek;Numism. Zeitschr. 27 (1805), 32 nr. 5), zwischenSchiffs Vorderteilen auch auf einer Münze vonAlexandria (Cat. of gr. c. Brit. Mus. Alex. 139nr. 1172). Doch können diese Attribute ebensogut den Charakter der Handelsstadt be-zeichnen.
Archilochus frg. 16 BergJc P. L Gr. 4 πάνταΤύχη xal Μοίρα, Περίχλεες, ανδρΐ δίδωβιν, fürdie Schreibung Τ. und M. Lehrs, Pop. Auf-sätze 1 181 und Lewy, Jahrh. f. kl. Phil. 145(1892), 762. Hier ist sie neben der Moira dieZuteilerin aller Gaben an den Menschen. Al-legre a. a. 0. 30 liest aus diesem Bruchstückheraus, daß T. die Urheberin des Guten, Moira aber die der IJbel sei; das darf man ebenso-wenig, wie man mit Bouche- Leclercq a. a. 0.299 aus der Vorstellung des Namens der T.auf ihre weiter reichende Macht schließen kann.
Das 62. Fragment des Älcman bei Bergk 4lautet: f Τνχα\ Ευνομίας τε xal ΠείΑονς άδελφάxal Προμα&είας ϋ-νγάτηρ (Ε. Bohde, Roman 1276 Anm. 2 'Tochter des Prometheus’?). Vgl.Plut. de fort. Rom . 4. Der Sinn ist der, daßvortreffliche Staatseinrichtungen und redekun-dige und klug vorausschauende Staatsmännerdie glücklichen Erfolge eines Gemeinwesensverbürgen (vgl. das oben Bd. 3, 1809 überPeithoGesagte). Allegre a. a. 0. 187 denkt hier bereitsan eine Art der späteren Stadtgöttin, und es <mögen in der Tat solche Vorstellungen ihre Ent-wickelung begünstigt haben. Jedenfalls habenwir es hier mit einer poetischen Personifikationzu tun, die aber schwerlich schon einen Kultbesaß, wie S. Wide, Lak. Kulte 262 anzunehmenscheint.
Ein herrliches Loblied eines unbekanntenMelikers ist frg. adesp. 139 Bergk 4 . . . Τύχα,μερόπων \ άρχά τε xal τέρμα · τύ xal αοφίας Τα-χείς εύρας, | xal τιμάν βροτέοις έπέ&ηκας έρ- Iγοις· I xal το χαλόν πλέον η χαχόν έχ αέ&εν, ατε χάρις | 5. λάμπει περ'ι αάν πτέρυγα χρνβέαν.xal το τεά πλάβτιγγι δοΑεν μαχαριατότατον τε-λέψει. I τΰ δ’άμαχανίας πόρον είδες έν αλγεβινxal λαμπρόν φάος αγαγες έν βχότω, προφερε-στάτα ίλεών. Das sind Töne frommster Verehrung.Und der T. schreiben sie geradezu eine ArtAllmacht zu (v. 2), die sie zum Heil und Segender Sterblichen verwendet. Indessen klingtdoch aus v. 4 bereits das Geständnis heraus, (daß man in ihr auch die Quelle so manchesχαχόν zu erblicken habe. Interessant ist dieVorstellung, daß T. ihre Gaben zuwiegt. DieFlügel sind anderswoher nicht mehr bezeugt;(vgl. indessen den Hymnus in den Berliner Klass.-Texten 5, 2 nr. 22, 2 v. 1). Plutarch spieltwohl auf diese Stelle de fort. Rom . 4 an, indemer sagt, daß T. auf dem Kapitol ihre Flügel ab-
Tyche 1312
gelegt habe, um hinfort bei den Römern seß-haft zu bleiben
Von der Allmacht der T. singt ferner Pin-dar im Anfang der 12. olymp. Ode: Αίβαομαι,παΐ Ζηνός Έλευ&ερίον , | ’ [μέραν εύρνα&ενέ’ άμ-φιπόλει, οώτειρα Τύχα. \ τίν γάρ έν πόντοι ,χν-βερνώνται ϋ·οαί I ναες, έν χέραω τε λανψηροίπόλεμοι \ Χ&γορα'ι βουλαφόροι . . . Boeckh hatin seinem Kommentar zu dieser Ode (p. 208)nachgewiesen, daß die Benennung der T. alsder Tochter des 'Befreiers’ Zeus in lokalenVerhältnissen begründet ist. Wichtig ist füruns das Gebet, die 'Erhalterin’ (für diese Be-zeichnung Lehrs, P.A.“ 178 und weiter unt. unterBeinamen) T. möge Himera schützend umwan-deln, als Stadtgöttin natürlich. Oh diese Worteeinen Schluß auf Kult und Tempel in Himera zulassen, steht dahin. Pindar hatte ihr weiterden Namen Φερέπολις — vielleicht in einem ansie gerichteten Hymnus "— gegeben: Paus. 4,30, 6 ηαε δέ xal ύΰτερον Π. άλλα τε ές την Τύχην,xal δη xal Φερέπολιν άνεχάλεΰεν αυτήν. DazuPlut. de fort. Rom. 10 (= Pind. frg . 39 Sehr.).Ebd. c. 4 heißt es: ον μέν γάρ άπει&ής [Τύχη]χατα Π. ουδέ δίδυμον οτρέψονβα πηδάλιον (=Pind. frg . 40 Sehr.)· Das deutet auf ihre uner-bittliche Strenge hin und scheinbar auf ihreLaunenhaftigkeit, was freilich zu dem sonst soernsten Bild wenig stimmen will. Pausanias7, 26, 8 (= Pind. frg . 41 Sehr.) hat uns noch einZeugnis für Pindars Auffassung vom Wesender T. erhalten: ’Εγώ μεν ον v Πινδάρου τά τεαλλα πείθομαι τη ωδή xal Μοιρών τε είναι μιαντην Τύχην, xal υπέρ τάς άδελψάς τι Ιβχύειν. Τ.als eine der Moiren, an Stelle der Lachesis, mitWage und Füllhorn ist dargestellt auf einemSarköphagrelief (s. o. Bd. 2, 2, 3099). Lewya. a. 0. 763 folgert aus jener Stelle, daß Pindar nur die 3 Moiren Klotho (lsthm. 5,17), Lachesis(Olymp . 7, 64) und Tyche kenne, weil diese3 Namen allein bei ihm Vorkommen. Dagegenist oben Bd. 2, 2, 3101 betont, daß mit derMoira-Tyche bei Pindar nur Lachesis gemeintsein könne, die sich ja mitT. insofern berühre,als sie das Zufällige innerhalb der Gesetz-mäßigkeit des Schicksals zu bedeuten scheine.Die Angaben Pindars lassen sich nicht zueinem einheitlichen Bilde vereinigen (vgl. nochoben Bd. 2, 2, 3100). Daher hat A. Bouche-Leclercg a. a. 0. 292 versucht, die verschiedenenAnschauungen so zu erklären : T. gewinnt, wasden Göttern abgeht; gläubige Gemüter wiePindar merken das auch, und während sieihm einmal noch die Tochter des Zeus ist undseinem Willen sich fügt, nimmt sie auf deranderen Seite einen Ehrenplatz unter den Par-zen ein (hierzu Lehrs, a. a. 0. 177), steht sieüber Zeus und den Göttern, so daß also dieÄußerungen Pindars eine gewisse Verlegenheitbekundeten. Wie wenig fest solche Anschau-ungen waren, zeigt Sophokles frg . 624 N 1 , wosich Tyche wieder der Moira fügt.
Wenn man diese älteren Zeugnisse über-schaut, so sieht man, daß die Züge der segen-spendenden Macht überwiegen, wie man jaauch mit dem Wort τύχη ursprünglich die Be-deutung 'Glück’ vorzugsweise verband. Pindar -Stellen in diesem Sinne bei Allegre 30 u. 31