85
Unterwelt
Unterwelt
86
nachwachsende Leber, nach assyrischem (Mor-ris Jastrow , Tielig. Babyl. u. Assyr. 2, 213 ff.)und griechischem (Aisch, ’A y. 731; Ebfi. 134,Soph. AH. 938; Eur. 'PfjO. 425; ix st. 599; Plut.si diö. 1 ) icg. 11, S. 450 F) Glauben den Sitzaller Gemütserregungen, auch der erotischen(Theokr. 11,16; 13,71), ausfressen. Die Nichtig-keit alles irdischen Sirebens betonen der My-thos von Sisyphos, der den immer wieder herab-rollenden Stein hinaufwälzt, und die in derOdyssee noch nicht benutzte Vorstellung derSeelen, die Wasser mit durchlöcherten Krügenschöpfen oder ein Faß ohne Boden füllen sollen.Daraus ergibt sich, daß auch in den jüngerenÜberlieferungen von den Büßern dieselben Ge-danken enthalten sein können wie in den vondem Dichter der Odyssee benutzten. Ein ande-res Beispiel dafür ist Ixion , ein Bild für dender Sinnenlust frönenden Menschen, der dashöchste Glück, die Umarmung der Götterköni-gin zu genießen glaubt, aber durch eine Wolkegetäuscht und zur Strafe immer auf dem feuri-gen Rad der Leidenschaften umhergewirbeltwird. Einen ähnlichen Gedanken drückt derTantalosmythos in seinen beiden Fassungen aus.Nach der Odyssee hascht er in ewigem Durstenach Genüssen, die ihm stets entgleiten, weildes Genusses wandelbare Freuden ewig der Be-gierde Flucht rächt; nach der in anderen Quel-len überlieferten Sage (o. Bd. 5, Sp. 79, 31 ff.),die aber nicht in der Unterwelt spielt, sitzt eran dem reich besetzten Tisch der Götter, kannaber, weil über ihm ein drohender Felsen hängt,nicht zum Genuß der dargebotenen Gaben ge-langen. Alles das sind Gedanken, die zwar,weil sie der Seelenwanderungslehre wider-sprechen, noch nicht der in der zweiten Hälftedes 6. Jahrh. voll ausgebildeten Mystik an-gehören können, aber deren Weltverachtungdoch schon wirksam vorbereiten. Denn wiegleichzeitig in Indien und vermutlich auch inden die Vermittelung zwischen diesem undGriechenland herstellenden vorderasiatischenGeburtsländern des Mystizismus ging der See-lenwanderungslehre eine Bewegung voraus, diezwar schon die Verachtung alles Begehrenslehrte, aber die Erlösung durch Unterbrechungdes Kreises der Wiedergeburten noch nicht ge-funden hatte. Dadurch ist zugleich annähernddie Zeit bezeichnet, in der die homerischenBüßergestalten geschaffen sein müssen; überden Anfang des 6. Jahrh. wird die Vorberei-tung der Mystik schwerlich hinaufreichen. Mitder U. haben diese Frevler ursprünglich nichtnotwendig etwas zu tun; ihre Strafe wird auchnicht immer in den Hades verlegt. Tantalossitzt beim üppigen Mal mit den Göttern, Ixion(o. Bd. 2, Sp. 768, 61 ff.) wird in den älterenQuellen in der Luft gepeinigt, Phineus ist alsirdischer Seher in die Argonautensage gekom-men. Die Übernahme dieser Gestalten in dieUnterwelt kann aber schon von Anfang andadurch vorbereitet gewesen sein, daß derDichter das Leben in der Sinnenwelt, wie esein halbes Jahrh. später häufig geschah, alsTod bezeichnet hatte; auch daß verwandteBüßergestalten seit uralter Zeit in den Hadesversetzt wurden, mußte diesen als Ort für die
Bestrafung nahe legen. Die Frevler nicht na-menlos zu lassen, sondern sie sagenberühmtenHelden gleichzusetzen, verstand sich für dieseVorläufer der Mystik fast von selbst, wenn siesich, wie sie es wahrscheinlich taten, der epi-schen Form bedienten. Tantalos, Sisyphos,wahrscheinlich auch Tityos und Ixion hattenals Ahnen mächtiger Geschlechter gegolten,die gegen Ende des 7. oder am Anfang desio 6. Jahrh. gestürzt worden waren, und wieihren Nachkommen hatten die Sieger auchihnen die Ehren genommen; so boten sie sichvon selbst den Weltverächtern als Beispielefür die Nichtigkeit irdischer Macht und welt-lichen Genusses.
65. Die Totenrichter. Die Strafe wirdden Gottlosen nach der späteren griechischenAuffassung in einem geordneten Gerichtsver-fahren zuerkannt; von einem solchen ist schonso in altägyptischen Texten die Bede. Als Zeu-gen treten bei Luk. vexvog. 11 die Schattenauf, welche die Körper bei Lebzeiten geworfenhaben und daher alle Handlungen der Men-schen kennen; auch werden die Menschen vonallem Schein entkleidet und zeigen alle Schä-den, welche ihre Verfehlungen an ihnen zu-rückgelassen haben (ebd. 12, daraus nach Hehn,Luc. u. Menipp. 73 vielleicht Julian avgn.309c; s. auch Plat Gorg. 523). Bei römischenso Dichtern werden die Seelen meist durch Foltergezwungen, selbst ihre Schuld zu gestehen,s. z. ß. Verg. Aen. 6, 667; Culex 875 f.; Stat. Th,4, 530; Claud. 5, 476. Der Richter, der die Strafeerkennt, wird in der Odyssee nicht genannt.Am nächsten läge es, daß der Unterweltsge-bieter selbst oder seine Gattin, die bisweilenals eigentliche Herrin des Totenreiches er-scheint, über das Los ihrer Untertanen ent-scheidet; und in diesem Sinn ist schon von40 einem Teil der älteren Ausleger ( schol . 104 b)Pind. Ol. 2, 68 ff. xd 8’ iv xdSs Aiog &g%ä dXi-xga xaxd yäg Sixafcu xig f(oder i%9nd)Xoyov cpgdaaig (oder tpQaaaie’) it.vd.yxa (oderkvayxa ), die älteste Stelle, in der das Toten-gericht in der griechischen Literatur erwähntwird, gedeutet worden. Während Maaß, Orph.272, Buhl, De mortuor. iudic. 35,2 u a. miteinem Teil der Scholien (108 d) den Nominativbevorzugen, so daß die Entscheidung über dasr>o Schicksal der Toten der Ananke zufällt, daIthadainanthys, der Gebieter auf der Insel derSeligen (Pind. a. a. 0 . 76), nicht gemeint seinkönne, wird jetzt (z. B. von Malten, Arch. Jahrb.18 ("1913], 47,3 und von Schröder auch in der2. Aufl.) meist xig als Subjekt genommen undder unbestimmte Ausdruck entweder auf Hadesoder auf einen anderen (damals vielleicht nochunbenannten) Richter in der U. bezogen. Deub-ner, Herrn. 43 (1908), 638, deutet mit Buecheler60 v. 67 auf die Rache, welche die Unterdrücktensofort nach dem Tode ruchloser Tyrannen neh-men, indem sie z. B. die Leichen aus den Grä-bern reißen, und übersetzt iv xSSs Ai.bg dgyä'unter der gegenwärtigen Regierung des Zeus ’.Er nimmt nämlich an, daß Pindar die vonPlat. rogy. 79,623 e bezeugte Sagenform kannte,nach der ursprünglich die Lebenden über dieToten richteten, daß aber Zeus wegen der Un-