I
Beilage II.
Die Stift-St. Gallische Passio S. Victoris et Ursi,
bei Lütolf Die Glaubensboten der Schweiz (Luzern 1871) S. 172 —176.
Die Handschrift, aus welcher Lütolf a. 0. obige Passio veröf-fentlicht hat, wird von ihm S. 172 also bezeichnet: „ St. Galler Stifts-bibliothek Cod. 569 Perg. 4° p. 224—231; 3 V. 2 Bl. — saec. IX“;doch wird S. 145 bemerkt, dass die Passio im 9. —10. Jahrhundertgeschrieben sei. Der handschriftliche Titel lautet bei Lütolf S. 145genauer: „Passio beatissimorum martyrum Victoris et Ursi.“ DerHerausgeber nennt diese Passio S. Victoris et Ursi die ältesteDar-stellung neben jüngeren Abfassungen. Als solche taxiert Lütolferstens (S. 146. 176 ff.) eine zweite Passionserzählung, die im gleichenCodex No. 569 enthalten, aber historisch ungleichwerthig, ja einSchülerversuch sei; zweitens (S. 160 f. 178) die Passionserzählungenbei Surius (in AA. SS. Boll. T. VIII Sept. S. 291) und im CodexSigniacensis (AA. SS. Boll. a. 0. S. 292), der aus dem 9. Jahrhundertstammt (Lütolf S. 179). Der Herausgeber commentiert S. 145 —161 dieSchrift und gibt ihr das Lob einer ehrwürdigen Quelle (S. 145); fernerrühmt er, dass sie, im 9. — 10. Jahrhundert abgeschrieben, offenbar aufviel älteren guten, ganz zuverlässigen Quellen beruhe (S. 145.154.159,wo sogar die ursprüngliche Abfassung im Anfang des 7. Jahrhundertsfür möglich gehalten wird); dass sie eine wichtige Leuchte ineine ferne dunkle Zeit zurück werde (S. 146); dass sie durch genaueKenntniss der hohen Würdenträger in Burgund ihren burgundischenUrsprung verrathe (S. 149); dass sie über Vorgänge und Personen des5. und 6. Jahrhunderts als burgundische Geschichtsquelle betrachtetwerden dürfe (S. 160). Wäre all' Dem also, so müssten wir bedauern,dieses Ineditum bei der Abfassung unsers Werkes nicht benutzt zuhaben. Jedenfalls ist es der Mühe werth, nachträglich zu untersuchen,ob und inwiefern obige Lobsprüche, soweit es die Geschichte Burgun-diens betrifft, begründet seien.
Derjenige Theil der Schrift, welcher die eigentliche Passio derzwei Heiligen enthält (S. 172—174, vgl. Lütolf S. 146 f.), kommthier nicht in Betracht, wohl aber zunächst das Weitere, was über dieUmstände erzählt wird, unter welchen der Körper des h. Victors vonSolothurn, dem Orte seines Martyriums, nach Genf versetzt wordenJahn, Geschichte d. Burgundionen. II. 33