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Zweiter Band.
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Aus Obigem erhellt nun leider zur Genüge, dass die St. GallerPassio, selbst wenn sie, wie Lütolf S. 145 behauptet, aus dem 9.—10.Jahrhundert stammt und aus älteren Quellen geschöpft ist, wie derGenannte S. 145. 154. 159 bis zur Uebertreibung glaublich zu machensucht, all’ das Lob, welches ihr vom Herausgeber gespendet wird(oben S. 513), keineswegs verdient, vielmehr ein trügerische s Irr-licht und ein meist aus trübsten Quellen geschöpftes unhistorisches,legendenhaftes Genfer Machwerk ist, welches hauptsächlich bezweckte,Genf als altberechtigten Sitz des St. Victorscults und als königlicheEesidenzstadt zu verherrlichen. Den gleichen Zweck, doch wenigerauffällig, verfolgte die Passio des Cod. Signiac., welche von Lütolfmit Unrecht geringer geschätzt wird.

Was im Besondern die Translationsgeschichte betrifft, wie sie inbeiden Recensioneu der Passio vorliegt, so erscheint dieselbe jetzt ledig-lich als eine spät ersonnene historische Motivierung des von Fredegareinfach hingestellten Auffmdens des h. Victors. Fredegars Erzählungselbst bedeutet im Grunde, ihres legendenhaften Charakters entkleidetnichts Anderes, als dass Genf von der Burgundionenzeit her im Besitzedes h. Victors sein wollte, wozu der Name der zu Ehren dieses Heili-gen möglicherweise schon in jener Zeit (schwerlich aber von Sedeleuba,s. S. 166) gegründeten Kirche den Anlass mag gegeben haben. DieIdentitätserklärung, wie sie bei Fredegar erzählt wird, bezweckte zu-gleich anderweitige Inanspruchnahme des Heiligen abzuweisen. Manwollte nemlich denselben in Sens vor Alters aus Agaunum bezogenhaben (Chronicon S. Petri Vivi bei D’Achery Spicilegium II. 471a.).Mit Bezug auf die Erzählung Fredegars sprechen Plancher I. 86 und I.265 (72) irrig von einer Ceremonie der Translation, welcher Theoderichllbeigewohnt habe. Anderseits behauptet Lütolf S. 145 fälschlich, dasszufolge Fredegar der Leib des h. Victors von Solothurn nach Genfgebracht worden sei, wenn nemlich damit eine Translation im Sinneder Passio verstanden wird. Von einer solchen ist bei Fredegar keineSpur, und wäre ihm die vorausgegangene, von der Passio erwähnteTranslation bekannt gewesen, er würde sie kaum verschwiegen haben.Folgt nun aus seinem Schweigen, dass, wie Lütolf (S. 145. 160. 161)urtheilt, die St. Galler Passio eine ehrwürdige Quelle für die Ueber-tragung ist; dass sie genauer als Fredegar in der 2. Hälfte des 7. Jahr-hunderts berichtet, und dass die St. Victors-Legende, wie sie in derSt. Galler Passio vorliegt, schon im 5. Jahrhundert in den Grundzügenvorhanden gewesen ist? Keineswegs. Es ist schon von vorne hereinhöchst unwahrscheinlich , dass uns in einem Schriftstücke des 9. Jahr-hunderts eine sonst verschollene ausgiebige Kunde von Begebenheiten,Verhältnissen und Personen im alten Burgundien sollte erhalten sein,zumal da schon Fredegar meist nur aus Gregor schöpft und nur seltenvon sich aus historisch - topographische Notizen beifügt. Weit glaub-,licher ist es, dass ein geistlicher Panegyrist Genfs das wunderbare