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Vierundzwanzigstes Heft.
Erklärung der Platten.
Byzantinischer Styl.
Platte I.
Die ehemalige 8t. Nikolaus-Kapelle an der St. Lorenz kirche in Nürnberg .
Dem Zweck meiner Ornamentik zu Folge, zerstörteDenkmäler der Nachwelt zu überliefern, ist diese merk-würdige Kapelle hier als neues Opfer des 19. Jahrhundertsabgebildet. Die älteste Thüre dieser Kapelle, welche ichim XVII. Hefte, Platte 3, in Abbildung gebracht und be-schrieben habe, und wodurch ich mir die fernere Erhaltuugder Kapelle ausser allem Zweifel dachte ist trotz der hi-storischen Vereine und trotz der Conservatoren dieselbe den-noch abgerissen worden. Es war mir ein höchst empfind-licher Schmerz, diese malerische Staffage und Zierde der St. Lorenzkirche ohne mein Wissen und gegen mein frühergegebenes Gutachten zerstören zu sehen; und diess geschahnur aus der einzigen Ursache, um den Bewohnern der Bank |eine grössere Aussicht zu verschaffen, nachdem die Kapelle jvorher äls baufällig angegeben worden war. *)
Diese interessante Kapelle, welche an der herrlichen jSt. Lorenzkirche als die malerischste Staffage und Vermitt-lerin des abwärts liegenden Terrains der neuen Bank zurZierde gedient hätte, hat schon der verstorbene Ober-Bau-rath von Gärtner erhalten wollen und bei Anlegung desneuen Bankgebäudes darauf Bedacht genommen, dass dieStellung der Kapelle mit der Häuserreihe der Bankgassein einer Flucht gegen das Pfarrgässcben eine bequemeVerlängerung bilden sollte, wo dann von dieser Seite dermalerische Prospekt mit der Kapelle gewonnen wordenwäre.
Der älteste Theil der Kapelle, an der sich die byzan-tinische Thüre befand, war ursprünglich klein und gehörtedem 11. Jahrhundert an, der angebaute Chor derselben ,wurde schon am Ende des 14. Jahrhunderts vom Abt Ber- jtholdus von Heilsbronn aus dem alten Nürnberger Patrizier- igeschlecht der Stromer mit Genehmigung des Bischofs von jBamberg, Lambertus von Brunn, projektirt, und später von iBischof Friedrich von Aufsess bestätigt, konnte aber wegender hussitischen Unruhen nicht zur Ausführung gelangen,bis diess endlich dem 22. Abt Ulricus, genannt Kötzler von
*) Auch die drei herrlichen Thüren vom St. Lorenzer Pfarrhof,die diese Zeit her daselbst aufbewahrt waren, siehe XIII.Heft, Platte 3, hatten unterdessen auch das Schicksal zer-stört zu werden, nemlich als ich mich wieder nach diesenumgesehen, um sie für die königl. Burg anzuwenden, warensie bereits als altes Holz zusammengehauen und verbrannt.
Volkersau von Heilbronn nach seiner Zurückkunft vom Con-cilium zu Basel , welches von 1431 bis zum Mai 1443währte, mit Beihülfe des Bischofs Georg I. von Schaumberg imJahr 1435 gelang.
Abt Ulrich hielt sich wie sein letzter Vorfahr Ber-tholdus, welcher 1413 starb, immer gerne und oft lange inNürnberg in seinem Ileilsbronner Hofe auf; er liebte alsFreund des Bauens und Mitglied der Nürnberger Bauhüttedie Kunst und Hess von dem besten Goldschmidt daselbstdie zwölf Apostel und einen Salvator von Silber machen.
I Er starb im Jahre 149S am Tage Marci zu Nürnberg und; wurde in besagter Kapelle feierlich auf dem Paradebett. ausgestellt uud seine Exequien wurden iu der St. Lorenz-| kirche mit grosser Pracht gehalten.
| Sein Nachfolger, der auch in Nürnberg den 9. Jnli' 1518 starb, war Sebald Bamberger, der 25. Abt, dessenFuneralien auf das Feierlichste gehalten worden sind, in-dem man seinen Leichnam unter dem Geläute aller Glocken' der Stadt und in Begleitung des hohen Raths, aller welt-lichen und Kloster - Geistlichen, Schulen u. s. w. aus der! Kapelle, wo er ausgestellt war, in die St. Lorenzkirche: brachte uud daselbst die Exequien mit 30 heiligen Messen,j von denen jede mit 30 Pfund bezahlt wurde, hielt.
I I Diese Procession begleitete die Leiche bis vor das Frauen-1 thor, von wo aus dann der Verstorbene nach Kloster Heils bronn abgeführt und im Kreutzgang dortselbst begrabenwurde. In der St. Nikolaus-Kapelle, in der sonst Abt Ber-
h tholdus Stromer alle Tage seine heilige Messe las, wurdej dann von alleu den Aebten, wenn sie in ihrem Heilsbronner;! Hofe in Nürnberg anwesend waren, ein Gleiches gethan.j: Die Kapelle hatte ein wunderschönes Netzgewölbe, wel-: ches so fest mit Eisen verbunden war, dass die Arbeiterbeim Einreissen desselben Muhe hatten, dasselbe abzubre-I chen. Viele Wappen verschiedener Wohlthäter der Kapelle| uud schön gezierte Consolen und Schlusssteine u. s. w.
| befinden sich jetzt in der Alterthums - Sammlung des Frei-herrn von Aufsess auf dem sogenannten alten Thiergärt-ner-Thorthurm und bei Freiherrn von Bibra; die lebens-grosse Statue des heiligen Nikolaus, welche dieVolkamergestiftet haben, befindet sich im städtischen Bauhofe imPeunthofe in Verwahrung.
Möge die Kapelle nun der letzte Verlust sein, welchendie Kunst und Geschichte in Nürnberg zu beklagen hat!Die grosse Theilnahme kunstsinniger, gefühlvoller Menschenist für mich ein Trost, und ich werde trotzdem nie ab-lassen das noch Vorhandene möglichst zu erhalten und zu