Band 
[Dritter Band. - Vierter Band.]
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Luftiger noch als die Luftballons erscheint mir die Physiognomik(wovon ich schon oben sprach), wenn man sie znr Wissenschaft erhebtund physiognomirt znr Beförderung der Menschenliebe, wie Ehren-geistlichkeit sengte und brennte sä mngorem Vvi glorinm. ' Der hei-lige Apostel derselben, Lavater, hatte so starken Glauben gefunden,daß man z. B. bei einer Habichtsnase durchaus Bockstrieb habenmußte, und wenn man Hoden hatte wie Erbsen, Waden wie der Storch,und Gesäß flach wie ein Teller. Das Menschcngcsicht ist der Spiegelder Seele, in dem sich Manches lesen läßt, so sehr ihn auch Erziehung,Jahre, Politik und Despoterei trüben; nur muß man nicht Alles darinlesen wollen ü l« Lavater, wo gar Vielen schreiend Unrecht geschehenwürde, denn gewöhnlich präsidirt Jdecnafsociation und nicht der Ver-stand. So soll ein gelöstes Ohrläppchen Verstand und Genie, einangewachsenes aber Dummheit nnd Gcistcstrttgheit anzeigen. Sie,werthester Leser, werden sich doch nicht incoinmodirt und ans Läppchengegriffen haben? Ich halte die Bemerkung für unrichtig, denn dasmeinige ist angewachsen, woher es kommen mag, daß ich in vorlauternJahren über gar viele Dinge lachte, über die ich nicht hätte lachensollen, und leider ooosustuäo üt alter« natura. *

Mit voller Gewißheit kann man in einem Angesichts nur lesen,ob der Inhaber etwa die Pocken gehabt hat oder nicht, sowie ausFalten und grauem Haar, daß die Jugend verblüht ist, oder daß manes so arg gemacht hat, wie Gcllerts Jüngling:

Verwesung schändet sein Gesichte,

Und predigt schrecklich die GeschichteDer Lüste, die den Leib verzehrt.

Das Auge rcflcktirt einiges Licht, wenn auch gleich das Fenstcr-chen des Mvmus nicht zu Stande gekommen ist. Manche setzen sichgar in den Schatten wie Lavater, und lassen ihre Phantasie zu Ge-richt sitzen; aber Mann nnd Weib sitzt es weit mehr da, wovon keinSchalt, nriß genommen z» werden Pflegt, nnd in Stimme nnd Lachenliegt oft mehr als im ganzen Fratzengesicht, leer, wie das Gesicht derKinder. Brüder, die sich sehr ähnlich sahen, werden sich sehr unähn-lich, wenn der eine Bauer bleibt, der andere in der Stadt Bedienter,nnd der dritte Soldat wird, oder der vierte gar einen Orden erhält.Die Leidenschaft drückt ihren Ton tief ins Gesicht, und heitere undtrübe Stimmung sind ohnehin leserlich; der weibische Mann bekommt

* Znr größeren Ehre GotteZ. — 2 Gewohnheit wird zur andern Natur.