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etwa küsse, unbedeckt dastehe und Alles thue, wie ein armseliger Jo-hann — und diese Höflichkeit entmannt. Der sesteste Mann, wenner beständig mit Höflingen und Weibern umgeht, wird endlich zumHälbling. Oft wüßte man nicht, wie man mit gewissen Leutchen daranwäre, wenn Gesinde und Kinder gleiche Höflichkeitsmasken trügen;aber auch das muß aufhören, da man Kinder kaum mehr der Naturüberläßt, zu einem „gnädigen Papa" und „gnädigen Mama" zwingtund für artig hält, wenn sie nur Gabel und Messer hübsch rechts,das Brod links legen, hübsch gerade und stille dasitzen, das Naschenhinter der Serviette schneuzen, und die Kaffeetasse nur mit Daumenund Zeigefinger nehmen, die andern drei Fingerlein zierlich in dieLuft streckend.
Complimente sind wie Münze, deren innerer Werth nie demNennwerthe gleich ist; wie Kupfer hinter Gold und Silber, so steckthinter jedem unterthänigen Diener meist ein: „Wenn du doch woll-test, was ich will," und verbotene Falschmünzerei sogar. Für Geldist Alles feil und so auch für Complimente, und wer den Fuchsschwanzrecht zu tragen versteht, ist überall willkommen. Was sonst nur an Höfenzu finden war, ist jetzt auch in der bürgerlichen Mittelwelt Sitte. DasComplimentiren läßt sich am besten lateinisch dcfiniren: Oomxlstsmsnttri, und der vielen Wortmacherei geht es am Ende, wie derckuxlex nsgatio, aus der skürmatio * wird:
Ist diese Satzung von Gewicht,
So ist Herr L kein Dummkopf nicht.
Ist nicht selbst der sonst so heilige Eid zu einem bloßen Complimentegeworden, das man Gott macht? Indessen nimm oivititao non nooet, ^und ein preußischer Hauptmann hat dies sehr schön commentirt; ihnverdroß, daß ein reicher Wucherer zu Berlin ohne Gruß vor ihm undseinen sechs Kameraden vorüberging: „Sie müssen heute einen sehrliberalen Tag haben, für einen Hut hätten Sie sieben bekommenkönnen." Jener Gascogner, der sich vor einer Kanonenkugel bückte,die den Hintermann tödtete, rief: „Sehet, man verliert nie durch Po-litesse!"
Recht herzlich aber war die Höflichkeit in unsern alten Reichs-städten gemeint, wenn solche auch nicht selten lästig fiel, und wo daserste Gesetz der Statuten zu sein schien: „Man muß Alles beim Altenlassen, die Alten waren auch keine Narren." Jener Bürgermeister,
i Vollkommen lügen — doppelte Verneinung. — Bejahung. — 2 Zu große Höflichkeitschadet nichts.