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Jst's möglich? Nun, es sind über dreißig Jahre, daß ich keinenHof mehr zu berathe» habe; es ist mir höchst gleichgültig, ob JemandHerr Hofrath zu mir sagt oder schlechtweg Sie; ich habe auch stetsda, wo es nicht sein mußte, nur meinen Namen unterzeichnet; dennich habe im Auslande und selbst im Jnlande viel mit Leuten gelebt,die über diese unsere deutsche Titelwuth lachten, ja einst einem altenTitulargeheimenrath, der mich fragte: „Aber warum nennen Sie sichnicht Hosrath?" erwidert: „Ich bin es nicht mehr und dann lebe ichin einem Ländchen, wo der Fürst so viele Hofräthe gemacht hat, daßmir graut;" und doch ging es mir einst in den ersteren Jahren augen-blicklich zuwider, als mich ein Fuhrmann, der mein Landsmann war,freundlich grüßte: „Guten Abend, guten Abend, Herr W.!" undnoch mehr ging es mir zuwider, als ein zweiter Landsmann dazukam, ein Bauer, dem der Fuhrmann sagte: „Kennst du denn denW. nicht mehr?" und dieser recht freundlich mir die Hand schüttelte:„Was? Er ist der alte W.?" Nach einer Viertelstunde etwa hatteich meine Thorheit unter den Deckel der Vernunft gebracht und lachteüber mich selbst und unsere deutsche Nationalsünde von oben bis un-ten. In mancher dieser Monarchien war Hofrath mehr als Regie-rungsrath; aber auch wieder umgekehrt, was offenbar vernünftigerwar, und wer dies nicht beachtete, konnte sich zurückdieucn. Unseredeutschen Reichsgrafen, die so gerne nach dem Fürstentitel haschten,müssen nie etwas vom russischen Grafen Rostopschin gelesen haben,den der Kaiser fragte: „Warum sind Sie nicht Fürst?" — „EureMajestät, daran ist der Winter Schuld." — „Wie so?" — „Manbot meinem Vater zu Petersburg den Fürstcntitcl an oder einenkostbaren Zobelpclz; es war ausnehmend kalt, und so zog er denPelz vor."
Ein kleiner deutscher Prinz nahm es Kästncr ungemein ungnädig,,daß er ihm, weil er stets vor dem Tubus herumgaukelte, sagte:„Sie sind durchlauchtig, aber nicht durchsichtig," und wenn ein lieder-licher, uachgeborcncr Graf, dessen bester Titel „Gcncralwindmühlen-direktor" gewesen wäre, mein ärgster Feind wurde, weil ich sein vor-nehmes : „Wie geht's, lieber Freund?" mit einem: „Ganz gut, gnä-diger Freund!" beantwortete, so hätte ich erwägen sollen, daß Venedigzwar auch S. Marina oarissima oorella' nannte, das Schwesterchensich aber wohl hütete, gleich vertraut zu thun. Einen würdigen Alten,der sich über einen niederträchtigen Streich eines solchen Herrchens
t Theuerstes Schwesterchen.