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Bekanntlich hat es lange Zeit gedauert, bis man in Deutschlandsich daran gewöhnen konnte, den irdischen Angelegenheiten eine größereWichtigkeit beizulegen, als den himmlischen, und so kam eS auch, daß inden vierziger Jahren die religiösen Streitigkeiten eine lebhafte Bewegunghervorrufen konnten. Das kräftige Auftreten des protestantischen Pietismusrief den Konkurrenzneid der katholischen Hierarchie wach und die beidengroßen Religionsgemeinschaften glaubten sich ihr Gebiet gegeneinandersichern zu müssen, wenn sie auch als gemeinsamen Feind die unkirchlicheGesinnung und die atheistische Philosophie zu bekämpfen hatten. ZuTrier geschah darum 1844, was wir im Jahre 1891 sich wiederholensahen: der heilige Rock wurde ausgestellt und über eine Million Menschenpilgerte zu der Reliquie, von der allerlei Wunder berichtet wurden.Auch aus dem katholischen Frankreich kamen viele Gläubigen, da in jenerZeit nicht wie 1891 ein Konkurrenzrock in Argenteuil ausgestellt war.Der Liberalismus benutzte diese Ausstellung des heiligen Rockes zuheftigen Ausfällen wider die römisch-katholische Kirche und ein suspen-dirter katholischer Kaplan in Schlesien, Johannes Ronge, richtete in den„Sächsischen Vaterlandsblättern" einen offenen Brief an den BischofArnoldi von Trier, in dem er sich gegen die Reliquienverehrung aus-sprach. Dieser Brief war an und für sich herzlich unbedeutend; abervielleicht gerade deshalb, weil er nur enthielt, was Jedermann wußteund begriff, ward er mit so großem Jubel aufgenommen. Ronge wardals ein großer Mann gefeiert und hielt sich in seiner lächerlichen Eitelkeitdenn auch selbst für einen solchen. Er schlug vor, die Katholiken solltensich vom römischen Stuhl unabhängig machen, wodurch dann die deutsch-katholischen Gemeinden entstanden, während aus dem Protestantismusdie evangelischen freien Gemeinden hervorgingen.
Eine wichtige Veränderung trat in Bayern ein, das in Süddeutsch-land die Hauptstütze des Katholizismus war, wie Preußen im Nordendie Hauptstütze des protestantischen Pietismus. In Bayern wäre wohlgegen die Jesuitenregierung des einst liberalen Ministers Abel nicht soleicht etwas erreicht worden, wenn nicht Lola Montez nach München ge-kommen wäre. Diese schöne und interessante, aber leichtfertige und frivolespanische Tänzerin hatte bei dem bekannten Heinrich I-XXII. von Reuß,dem „Prinzipienreiter," vergebens ihr Glück zu machen versucht; inMünchen eroberte sie das Herz des alternden „teutschen" Königs Ludwig I.im Sturme. Er besang sie in seinen bekanntlich mit vielen Partizipiengeschmückten Gedichten und konnte ihr nicht leicht einen Wunsch abschlagen,wie sehr auch die loyalen Münchener auf ihren Bierkellern „entrüstet"thun mochten. Schließlich erhob er die schöne Lola zur Gräfin von