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die neue Verfassung, die übrigens weder den Neapolitanern noch dewSizilianern genügte, am 10. Februar 1848 in Kraft gesetzt.
Der Sieg des Volkes in Neapel und Sizilien war sonach kaumein halber Erfolg, aber er hatte nichtsdestoweniger eine Nachwirkung fürganz Italien. Im Kirchenstaat, in Sardinien, in Toscana wurden Ver-fassungen gegeben; in den zu Oesterreich gehörenden Landestheilen, inder Lombardei und in Venedig, zeigte sich eine so bedenkliche Gährung,daß Jedermann einen gewaltsamen Ausbruch vorhersehen mußte.
Während die italienische Erhebung, die auch gegen den Jesuitismusgerichtet war, einen gewaltigen Eindruck auf Europa machte, that sich inDeutschland ein politisches Lebenszeichen zu Gunsten der Jesuiten kund.In Bayern hatte nämlich Lola Montez, die Geliebte Ludwig's I., nachdem Sturze der Jesuitenherrschaft eine liberale Regierung, das sogenannteLola-Ministerium, zu Stande gebracht. Die Mitglieder dieses Ministeriums,Höflinge und Leute ohne politische Konsequenz, fügten sich ganz denLaunen der muthwilligen und übermüthigen Tänzerin, die kein größeresVergnügen kannte, als dem Münchener Bierphilisterthum und seinen Ge-wohnheiten schnurstracks zuwider zu handeln. Während die Jesuiten dieAbneigung gegen die Maitresse und ihr Ministerium geschickt schürten,so daß bald eine Gährung entstand, that Lola das Möglichste, sich beiden Münchenern verhaßt zu machen. Sie trieb sich gerne mit Studentenumher, mit denen sie schwärmte und kneipte. Die LandsmannschaftAlemannia erfreute sich ihrer besonderen Gunst und man erzählte sich er-götzliche Dinge über Lola's Abenteuer auf der Studentenkneipe. DieAlemannen geriethen mit den anderen Studenten in Streit, da man siespottweise als „Lolamannen" bezeichnete; es gab großartige Prügeleienund schließlich erklärte Lola in ihrem Zorn: „Ich werde die Universitätschließen lassen; ich will sie überhaupt gar nicht mehr hier haben!" —In der That erschien wenige Tage nachher — am 9. Februar — einköniglicher Befehl, vom Ministerium gegengezeichnet, durch den die Uni-versität geschlossen wurde.
Dies war aber auch den Münchener Bierphilistern zu viel, die ohne-dies von der gestürzten Jesuitenpartei tüchtig bearbeitet wurden. Bisherhatten sie, während Lola ihr tolles Wesen trieb und der König sie inseinen Partizipienreichen Versen besang, ihrem Unmuth nur hinter denBierkrügen Luft gemacht. Am 10. Februar aber traten sie in Massevor dem Rathhaus zusammen und zogen vor das königliche Schloß, umeinen Widerruf der Schließung der Universität zu erwirken. Lola hatteoffenbar wenig sozialökonomische Kenntnisse, sonst hätte sie wissen können,daß eine Schmälerung oder gar gänzliche Entziehung des Einkommens