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Demonstrationen. Man ließ das alte Revolutionslied, die Marseillaise,durch die Lüfte brausen und schlug sich in kleinen Scharmützeln mit denMunizipalgarden herum. Am folgenden Tage bot die Regierung ihrebedeutenden Streitkräfte auf, um die Unruhen zu unterdrücken. DerWiderstand schwoll in demselben Maße an; es entstanden Barrikaden undwurden die Waffenläden erbrochen, um die Masse mit Waffen zu versehen.Die Nationalgarde blieb unthätig oder vermittelte zu Gunsten der Auf-ständischen. Der Kampf ward immer hitziger und fetzte schließlich denalten Fuchs Louis Philipp so sehr in Schrecken, daß er feinen getreuenGuizot fallen ließ und ein Ministerium Mols ernannte, was ohne alleBedeutung war. Während die Bourgeoisie diesen „Erfolg" mit Jubelbegrüßte, kümmerte sich das Volk garnicht darum, sondern blieb auf denBarrikaden. Von Neuem flammte der Zorn der Massen auf, als GeneralBugeaud, ein brutaler Soldat, zum Oberbefehlshaber der Truppen ernanntwurde. Man erblickte darin das Anzeichen, daß nach Niederwerfung desAufstandes eine blutige Reaktion eintreten werde. Zugleich kam es infolgeder in Revolutionen so häufigen „Mißverständnisse" vor dem Minister-hotel Guizolls zu einem Konflikt zwischen Volk und Militär; aus derMenge wurde eine Pistole abgefeuert und die Truppen gaben sogleicheine Salve, die über fünfzig Menschen todt oder verwundet niederwarf.Mit wildem Geschrei ergoß sich die Masse in die Straßen und die republi-kanischen Führer forderten in heftigen Reden zur Rache auf. Währendin den Bourgeoisvierteln illuminirt wurde, wuchsen in den Massen-quartieren, wo man das Pflaster aufriß, die Barrikaden wie mit Zauber-macht aus der Erde und es entbrannte eine furchtbare und allgemeineStraßenschlacht, welche die Nacht hindurch dauerte. Der EisenfresserBugeaud konnte den Aufstand nicht bewältigen, zumal die Linientruppenauch nicht ganz zuverlässig waren. Louis Philipp, dessen Krämerseelenoch nicht begriff, daß der Aufstand gegen ihn selbst und sein „System"gerichtet war, glaubte mit der Komödie eines „liberalen" MinisteriumsThiers den Aufstand beschwichtigen zu können. Das Volk würdigte diesMinisterium gar keiner Aufmerksamkeit, sondern kämpfte weiter. Nunverlor Louis Philipp gänzlich den Muth und dankte ab, indem er be-stimmte, sein Enkel, der Graf von Paris, solle sein Nachfolger und dessenMutter, die Herzogin von Orleans, Regentin sein. In aller Kläglichkeitverschwand der Börsenkönig vom Schauplatz seiner achtzehnjährigenKorruptionsregierung.
Der Kampf ruhte einen Moment, denn das liberale Bürgerthumwollte sich mit diesem Resultat zufrieden geben. Aber die Munizipalgardenreizten das Volk abermals und nun erscholl der brausende Ruf: „Zu