Buch 
Die Deutsche Revolution : Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / von Wilhelm Blos ; illustrirt von Otto E. Lau
Entstehung
Seite
294
JPEG-Download
 

294

Wer nach staatsmännischen Physiognomien suchte, der fand einesolche nicht sowohl in dem Grafen Arnim, als in dem Ritter von Schmerling,dem letzten Bundestagspräsidenten, in dem Manne mit dem nüchternenkalten Gesicht, mit dem Mäskchen, das verborgenen Sinn weissagt, überdas nichts hinausläuft, weder die Nöthe der Begeisterung, noch die Blässedes Zornes, und woran auch nichts hängen bleibt. Das Gesicht ist glattwie eine Marmorwand und der ganze Mann ist glatt, die Erscheinung isthöfisch, ob man gleich weiß, daß er nie bei Hof gewesen ist; sie ist energischohne Feuer, zäh und verschlossen, so dünn, so klein, so fein gebaut sie ist.Diese Freundlichkeit kann Heinrich von Gagern gewinnen, aber keinenLinken. Diese sagen: Das ist der Mann, Schlingen zu legen und Plänezu machen, verschmitzt, kaltblütig, ein Künstler in der Verstellung unddarum so zuversichtlich. In der That war Schmerling der Mann, derin Frankfurt ganz deutsch that und gleich darauf in Wien zu den Wienernsagte, daß er immer zuerst Oesterreicher und dann erst Deutscher sei.Man sah ihm an, er grübelte und rechnete nicht voraus; er war genießenderWiener und leichten Sinnes, aber er faßte die Dinge, wenn sie an ihnherankamen, blitzschnell ins Auge, sah ihnen ins Auge, ging ihnen aufden Leib und wurde ihrer Meister, aber nicht aus persönlichem Muthund nur dann, wenn er einsah, daß die Uebermacht von Mitteln gegenmittellose Gegner den Sieg vornherein ihm in die Hand gab.

Der Raum, worin diese Versammlung tagte, war noch geschmack-voller und glänzender ausgeschmückt, als im Vorparlament; die blendendweiße hohe Kirche zeigte jede Figur in Hellem Lichte und die riesenhaftenFensternischen waren mit grünem Tuch verhangen und über dem Bureaudes Präsidiums waren die rothen Vorhänge prachtvoll gewunden.

Keinen Tag waren die oberen Gallerien mäßig voll; selbst in denTagen, wo nur abgestimmt wurde, brachen sie fast unter dem Gedrängeder Zuhörer, die beim Namensaufruf der Abgeordneten jede Abstimmungsich merkten und bald laut, bald leise kritisirten. Unten waren großeRäume für die Zuhörer abgetheilt, hart an den Bänken der Abgeordneten;rechts vom Bureau und links faßten diese Zuhörergallerien die Versammlungwie mit zwei mächtigen Armen; oft drängten sich gegen tausend Zuhörerhier zusammen, Herren und Damen, deren Gallerien jedoch voneinanderabgeschieden waren.

Nach der Rechten hin, gerade über dem Präsidium, war die so-genannte Diplomatengallerie. Da sah man die Gesandten von Frankreichund England, von Rußland und Nordamerika, von Königen und Fürstenjeden Ranges, wie sie die Geburt und das Wachsthum einer deutschen Nationbelauschten und überwachten, und um sie her die Banquiers von Frankfurt,