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Von da ab legte sich die Kamarilla auf die Lauer, um eine günstigeGelegenheit zu erwarten und dann einzugreifen. Die Gelegenheit kam,aber nicht sogleich.
Am 10. Mai hatte inzwischen das Staatsministerium bei dem Königbeantragt, er möge dem Prinzen von Preußen „die Abkürzung desAufenthalts in England empfehlen." Der König antwortete, er seidamit umsomehr einverstanden, als der Prinz wiederholt seine Zu-stimmung zu der von der Regierung betretenen neuen Bahn aus-gesprochen habe.
Die Nachricht von der beabsichtigten Rückberufung des Prinzen vonPreußen erregte, so wie sie in die Oeffentlichkeit drang, eine gewaltigeAufregung in Berlin. Die Menge hielt den Prinzen für den Haupt-gegner des Umschwunges der Dinge in Preußen. Die Demokratie zeigtesich sogleich sehr thätig. Es ward eine Volksversammlung nach denZelten auf Sonntag, den 14. Mai, berufen, zu welcher Alle, die berechtigtseien, Waffen zu tragen, aufgefordert wurden, bewaffnet zu erscheinen.Alle, die gegen die Rückkehr des Prinzen seien, wurden eingeladen. DieBürgerwehr und die Studenten sprachen sich zwar gegen die Rück-berufung des Prinzen aus, mahnten aber von einer bewaffneten Demon-stration ab.
Der Demokratie war es bei dieser Gelegenheit offenbar weniger um dieVerhinderung der Rückkehr des Prinzen, als um den Sturz des MinisteriumsCamphausen zu thun, das ihr ganz besonders verhaßt war. Schondie Demonstration vom 20. April, die mißglückt war, hatte den Sturzdieser reaktionären Regierung zum Ziel gehabt. Nun schien die Gelegenheitgünstiger und der Versuch wurde wiederholt.
Während eine von dem konstitutionellen Klub vor dem SchönhauserThor einberufene Versammlung sich gegen die Rückkehr des Prinzen,aber auch gegen jede Demonstration aussprach, strömten unter den Zeltenam Sonntag Nachmittag Tausende zusammen. Die Berichte schwankenzwischen 15 000 und 20 000 Theilnehmern. Bewaffnete waren nur wenigedarunter.
Die Versammlung wurde von Sichler eröffnet und Held, „derMirabeau Berlins," hielt die Hauptrede. Er forderte zu einem großenZuge nach der Wohnung des Ministerpräsidenten von Camphausen inder Wilhelmstraße auf. Es handele sich darum, sagte Held, die Zurück-berufung des Prinzen von Preußen zu verhindern; fast die ganze Be-völkerung von Berlin sei sich in dieser Sache einig. Die Demonstrationsolle eine friedliche sein, aber man wolle eine offene Antwort, ein Jaoder Nein!
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