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Die Deutsche Revolution : Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / von Wilhelm Blos ; illustrirt von Otto E. Lau
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Diese Vorgänge wurden durch Gerüchte arg übertrieben, währendman doch hätte begreifen müssen, daß aus den Arbeitern nur die äußersteNoth sprach. Herr von Patow sahganz abgemattet" aus, als er in derVersammlung das Eindringen der brotlosen Arbeiter in sein Haus schilderte.Vielleicht hätte er ohne dies Ereigniß an die Noth der Arbeiter gar nichtgeglaubt. Man kann sich denken, daß bei den Arbeitern, die mitten inder neuenFreiheit" gemaßregelt wurden und mit Weib und Kind hungernmußten, die Märzbegeisterung längst geschwunden war.

Die demokratischen Vereine wußten diesoziale Frage" auch nichtanders anzufassen, als daß sie eine naturgemäß sehr ungenügendeUnterstützung der brotlosen Arbeiter auf dem Wege der Wohlthätigkeitbeschafften. Dagegen war die Demokratie in anderen Dingen sehr thätig.Sie verlangte eine verallgemeinerte Volksbewaffnung, da wieder Reaktions-Gerüchte im Umlauf waren; die Maschinenbauer erschienen aufgeregt undin Masse vor dem Zeughause, weil es hieß, es würden dort Waffen fürdas Militär weggeschafft. Es wurden 500 Gewehre an die Maschinen-bauer und Eisenarbeiter abgegeben.

Auf den 4. Juni wurde vom demokratischen Klub ein feierlicherZug nach dem Friedrichshain beschlossen, um das Gedächtniß der dortbestatteten Märzkämpfer zu ehren. Diese Demonstration sollte zugleichdie versammelten Volksvertreter anspornen,die Revolution und ihreKonsequenzen" anzuerkennen. Der Plan fand allgemeinen Anklang, obschondie Reaktionäre um diese Zeit ihren Groll gegen die Märzkämpfer nichtmehr verbargen.*) Der Volksklub, der Bürgerwehrklub, die Studentenund sogar der konstitutionelle Klub zeigten großen Eifer für die Demon-stration**); der Kommandant der Bürgerwehr gestattete zwar den Bürger-wehrmännern, als Privatpersonen sich dem Zuge anzuschließen;für denFall von Unruhen" hatte er aber seine Vorbereitungen getroffen. Inder Vereinbarungs-Versammlung stellte Nees von Esenbeck, der berühmte

*) Wie man in militärischen Kreisen von den Barrikadenkämpfern dachte,bekennt Graf Lüttichau in seinenErinnerungen aus dem Straßenkampfe," beidem er ein Füsilierbataillon befehligte.In alten Zeiten," sagt der Herr Graf,würde man ihre (der Barrikadenkämpfer) Leichen verbrannt und die Asche allenWinden Preis gegeben haben, um ihr Andenken aus dem Gedächtniß allerMenschen zu vertilgen, sie, die aus dem Abhub aller Nationen und demniedrigsten Pöbel Berlins bestanden und nur ein frecher Hohn der Menschheitsind." Der Herr Graf bezeichnet auch die schwarz-roth-goldene Fahne als diefranzösische" Trikolore!

**) Der konstitutionelle Klub entschied sich für die Theilnahme an der Demon-stration erst, als Herr Frese betonte, es sei keine Gefahr bei dem Unter-nehmen.