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Mitten unter diesen rauschenden Zusammenstößen zwischen Revolutionund Reaktion, zwischen Demokratie und Aristokratie, saß die Vereinbarungs-Versammlung über ihrem Verfassungswerke, tiefsinnig brütend, wie Archi-medes über seinen Figuren. Einen bewaffneten Schutz hatte sie abgelehntund sich auf Antrag Uhlich's, des bekannten freireligiösen Predigers,„unter den Schutz des Berliner Volkes" gestellt. Am Tage nachdem Zeughaussturm wurde der nunmehr von Waldeck eingebrachte Antrag,eine Kommission zu ernennen, die eine Verfassung des preußischen Staatesentwerfen solle, zur Verhandlung gestellt. Das rechte Zentrum hatte durchWachsmuth dem Sinne nach Aehnliches beantragt. Die Minister be-kämpften diese Anträge schwach, die Aristokraten der Rechten ziemlichheftig. Nees von Esenbeck betonte, der Entwurf müsse die soziale Frageberühren, sonst werde die Bewegung, die man Revolution nenne, ihrenblutigen Weg weiter verfolgen. Dieser Appell ward von den Bourgeoisund den flachen Liberalen der Versammlung offenbar nicht verstanden.Die Anträge Waldeck-Wachsmuth wurden kombinirt angenommen unddie Verfassungs-Kommission ward niedergesetzt. Ihr erster Vorsitzenderwar Waldeck, ihr zweiter Rodbertus, der bekannte Nationalökonom, dersich beim linken Zentrum befand. Am folgenden Tage beschloß die Ver-sammlung die Unverletzlichkeit ihrer Mitglieder und dies Gesetz wardvom Könige vollzogen, die erste Frucht des Vereinbarungsprinzips.
Einige Tage darauf trat das Ministerium Camphausen zurück. Esfühlte sich auf seinem Posten nicht mehr behaglich, hauptsächlich wegender Dinge, die sich in den „höheren Regionen" vorbereiteten. An seineStelle trat das Ministerium Auerswald, auch Ministerium Hansemannvon dem im Amte verbliebenen Finanzminister genannt. Auch der Kriegs-minister Roth von Schreckenstein blieb im Amte. Präsident und Ministerdes Auswärtigen war von Auerswald, Arbeitsminister Milde, der bis-herige Präsident der Vereinbarungs-Versammlnng, Kultusminister Rod-bertus, Justizminister Märcker, Landwirthschaftsminister Gieske, Ministerdes Innern von Kühlwetter. Dies halb aristokratische, halb parlamentarischeMinisterium, welches man das Ministerium der That nannte, stellte
Reichstage, bis er endlich in Reuß älterer Linie gewählt wurde. Der Verfasserverdrängte ihn 1877 von dort. Bei einer Disputation der beiden Kandidatenvor einer großen Versammlung zu Greiz suchte Oppenheim durch die Schilderungder „Greuel" der Pariser Kommune gegen die Sozialdemokratie einzunehmen,worauf ihn der Verfasser an seine eigene revolutionäre Vergangenheit erinnerte.Oppenheim, der darauf nicht gefaßt war, entgegnete sehr schwach, das sei „etwasAnderes" gewesen; indessen bewirkte diese Disputation, daß er bei der Wahldurchfiel.