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zu Innsbruck und Schönbrunn. Aber das Volk ward von eurer edlenBegeisterung für Freiheit und Unabhängigkeit ergriffen, und als dasMinisterium am 14. September zu den Waffen rief wider den KroatenJellachich, da strömte die streitbare Jugend in Masse herbei. Ungarnglich bald einem Heerlager. Koffuth erwirkte den Beschluß, daß dasFinanzministerium Fünfguldennoten ausgeben durfte. Der PalatinusStefan verließ jetzt Pest und ging nach Wien; der ungarische Reichstagaber sandte noch einmal eine Deputation nach Wien, und zwar, wieKoffuth sagte, „nicht an den verrätherischen Hof, sondern an das Volk."Die Deputation sollte im österreichischen Reichstage die Beschwerden derMagyaren vortragen. Allein die slavische Mehrheit des Reichstages ver-eitelte mit großer Anstrengung den Versuch und nach langen und heftigenDebatten*) wurde der Antrag, die Magyaren anzuhören, vom österreichischenReichstage mit 186 gegen 108 Stimmen verworfen. Umsonst hatte dieLinke betont, die Niederlage Ungarns werde die Knechtschaft Oesterreichsbedeuten; der Minister Bach zog die Schwankenden zu den Slaven hin-über und der schwarz-gelbe Helfert drang mit seinem Antrag, die Ungarnabzuweisen, durch.
Aber das eigentliche Volk von Wien übersah großmüthig die Schwächenund Thorheiten der Magyaren, um des gemeinsamen Besten willen. Vordem Gasthof, wo die Deputation wohnte, strömte das Volk zu Tausendenzusammen und Tausenan erhob seine gewaltige Stimme; er verdammteden „elenden" Reichstag und das Ministerium und warf dem letzterenSchacherpolitik vor. Den Magyaren verkündete er den Beistand desWiener Volkes in Noth und Tod.
Das Wiener Volk hat das verpfändete Wort seines Sprechersredlich eingelöst. Aber die Ungarn nahmen die dargebotene Hand nurzögernd an und darüber verloren sie Alles.
*) Wie hart im Reichstage Slaventhum und Deutschthum schon zusammen-geriethen, geht aus der Debatte über die Zulassung der Ungarn hervor. Riegersagt: „Der Weltgeist hat den Krieg in Ungarn entzündet, um zertretene Rechtewieder aufzurichten." (Sturm.) — Palazky glaubt, Borrosch habe die Slavenbeschimpft und will sich dagegen verwahren. — Borrosch will widerlegen, erhältaber das Wort nicht. Goldmark springt empor, schlägt mit beiden Händen aufden Tisch und ruft: „Ich protestire dagegen!" — Präsident: „Zur Ordnung!" —Goldmark: „Was, Ordnung? Ich scheere mich Nichts darum. Es ist empörend,zur Ordnung zu rufen, wo das Wohl von Millionen auf dem Spielesteht." (Donnernder Beifall links.) — Präsident ruft dreimal zur Ordnung, Gold-mark plädirt auf das Heftigste weiter. Präsident: „Sobald ich zur Ordnungrufe, müssen Sie schweigen, mein Herr, und sich augenblicklich niedersetzen." ^Goldmark: „Ich will nicht!" — Der Sturm wird so groß, daß der Präsidentdie Sitzung auf eine halbe Stunde aussetzt.