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neuen deutschen Bundesstaat, der in Frankfurt geschaffen werden sollte,aus dem einfachen Grunde, weil dann Oesterreich seine Rolle als europäischeGroßmacht nicht hätte weiter spielen können. Die Schwarz-gelben hieltenzäh am unversehrten österreichischen Gesammtstaat fest; wurde das Gefügedesselben durch den Eintritt in den neuen Bundesstaat erschüttert, so kamdies den Bestrebungen der Einzelvölker nach Selbständigkeit zu Statten.Aber die Schwarz-gelben und das Haus Habsburg wollten sich auch nichtaus dem neuen Bundesstaat ausschließen und damit den bisherigen EinflußOesterreichs auf Deutschland lahm legen lassen. Darum arbeiteten dieSchmerling und Genossen auf den Sturz des ganzen Verfassungswerkes hin.All ihre „deutschen" Redensarten waren offenbar nur der gewöhnliche Zoll,den die diplomatische Heuchelei der Zeitströmung entrichtete. Schmerlingim österreichischen, Gagern im preußischen Interesse, schienen sich entgegen-zuarbeiten. Wie weit der Schein getrieben wurde, läßt sich schwer be-urtheilen; es läßt sich nur denken, daß Gagern in gewisser Beziehungdupirt wurde. Das Spiel, das man mit den Verfassungsmachern trieb,glich in vielen Punkten der Komödie mit dem „kühnen Griff," bei welchersich die schwarz-gelben und die schwarz-weißen Diplomaten auch vorherverständigt hatten?)
Es macht einen trübseligen Eindruck, wenn man auf der einen Seitedie halb brutale, halb hinterlistige Haltung Oesterreichs, auf der anderendie mühseligen und vergeblichen Anstrengungen der Verfassungsmacher sieht.
Am 27. Oktober suchte das Parlament die österreichische Frage zulösen. Nach einer langen Debatte, in welcher Graf Deym den UtopistischenVorschlag machte, den österreichischen Gesammtstaat dem neuen Bundes-staat anzuschließen, während Uhland meinte, Oesterreich habe „sein Herz-blut in den Mörtel zum Neubau der deutschen Freiheit gemischt,"beschloß man, daß kein Theil des Deutschen Reiches mit nichtdeutschenLändern zu einem Staate vereinigt sein dürfe. Wenn ein deutsches Landmit einem nichtdeutschen das gleiche Staatsoberhaupt habe, so sei dasVerhältniß zwischen beiden nur nach den Grundsätzen der reinen Per-sonal-Union zu ordnen.
Gerade in diesen Tagen unterlag das so tapfer kämpfende Wienden Sturmkolonnen des Windischgrätz und die Hinrichtung von RobertBlum war die Antwort auf den Beschluß vom 27. Oktober. Trotzdemgab es immer noch Leute, welche der Meinung waren, die papiernenBeschlüsse zu Frankfurt könnten den siegreichen österreichischen Heerführern
*) Oeffentlich nannten sich Schmerling und Gagern mit vieler EmphaseFreunde.