Band 
Erster Theil.
Seite
122
JPEG-Download
 

122

Zweites Kapitel.

die Richtung zu belehren, welche die Politik feines Hauses nunmehreinzuschlagen habe. Aber dann erkannte auch die savoyische Dynastiemit dem ihr eigenen praktischen Blicke die Verhältnisse ganz richtigund lenkte ihr Augenmerk sür immer von der westlichen Grenze ab,um in Italien das Feld für ihren Ehrgeiz und ihren Vergrößerungs-trieb zu suchen. Und ihr Bestreben hatte dann wirklich merkwürdigeErfolge, da es zugleich dem großen weltgeschichtlichen Zuge entsprach,der durch die neuere Zeit geht: dem Zuge nach Bildung umfassen-der nationaler Reiche. So lange Savoyen ein vorzugsweise fran-zösischer Staat gewesen war, konnte es jenem hohen Ziele nichtdienen, im Gegentheile war es der Zerstörung unvermeidlich ver-fallen, weil es sich eben diesem Zuge zur Einheit innerhalb derfranzösischen Volksstämme widersetzte. Aber von dem Augenblickean, wo es entschlossen auf das Franzosenthum verzichtete und vorAllem ein italienischer Staat sein wollte, sehen wir es unaufhalt-sam, bald mit kleineren, bald mit größeren Schritten, dem Ziele sichnähern, das ihm vom Geschicke bestimmt war. Kein anderes VolkItaliens, als die kräftigen, tapfern und schlauen Piemontesen, keinanderes Herrscherhaus, als die verschlagenen, bedächtigen und aus-dauernden Savoyer, entsprach so den Bedingungen sür die Grund-legung der späteren Einheit Jtalien's.

Karl Emanuel. war selbstverständlich weit davon entfernt, dieBedeutsamkeit dieses Augenblicks zu ahnen. Obwohl er für seine Ver-luste einigermaßen entschädigt worden war, kannte doch sein Grimmüber die Lage, in die er gerathen, und über die Bedingungen, dieer hatte unterschreiben müssen, keine Grenzen. Anstalt, wie er ge-hofft, mit reinem Gewinn aus dem Streite hervorzugehen, hatte ernur Verlust aus demselben geerntet, und sah sich jetzt gedemüthigtvor seinem alten Gegner Heinrich IV. Vor allen die Spanierklagte er an, daß es so gekommen. Schon längst hatte er sich überihre Kargheit ihm gegenüber bitter beklagt: während die JnfantinEugenie Jsabelle die ganzen Niederlande als Heirathsgut erhalten,so pflegte er zu sagen, habe seine Gemahlin nichts mitgebracht, als