Band 
Zweiter Theil.
Seite
112
JPEG-Download
 

112

Erstes Kapitel.

„schaumigen dünken sie sich dann groß. Indem sie also jede„Profession bei Seite lassen, sind sie wenig geschickt geworden in„den mechanischen Künsten; und auch in den freien bleiben sie„ziemlich weit zurück, weil sie ihren Geist nicht darauf verwenden„wollen, obwohl sie im allgemeinen von Gott mit sehr scharfem„Ingenium und eindringender Spekulation begabt sind".')

Andere Völker beurtheilt fast ein jeder Berichterstatter nachseinen persönlichen Erfahrungen, seinem eigenen Charakter undseiner Auffassungsweise verschieden; bei den Spaniern stimmensie alle überein. Wo uns spanische Nationalität des siebzehntenJahrhunderts geschildert wird, tritt sie uns als stolz, ritterlich,hochmüthig, bigott, ausdauernd und mäßig, aber unbezähmbar inihren Leidenschaften, zähe, träge, abenteuernd, grausam entgegen:die Ruine eines stolzen Gebäudes, die noch einiges von der groß-artigen Herrlichkeit früherer Zeiten ausweist, aber doch in denmeisten Theilen verfallen, finster, abschreckend erscheint und denBeschauer mit der Ueberzeugung ihrer baldigen gänzlichen Zer-störung erfüllt. Uebermaß des soldatischen Geistes und Uebermaß derKirchlichkeit, unvermeidliche Ergebnisse der gesammten spanischen Ge-schichte waren vor allem die verhängnißvollen Ursachen gewesen, welchedas ganze Volk in eine fast unheilbare Krankheit geworfen hatten.

Darin hat freilich der oben angeführte Venezianer Unrecht, daßdie damaligen Spanier in den freien Künsten zurückgeblieben seien.Ist doch diese Epoche — die Frucht einer bessern Zeit! — dieBlütheperiode der spanischen Literatur und Malerei.

Aber auch aus diesen Gebieten zeigt sich das eigenthümlich

eng und sorgfältig abgeschlossene Wesen der Spanier. Keine

Nation war weniger geeignet, den offenen und freien Schönheits-sinn der Antike zu fassen und in sich aufzunehmen. Wäh-rend also die andern Völker Europa's sich immer eifriger mit

dem Geiste derselben zu erfüllen suchten, erstarb in Spanien das

t>i 1'rane. I'rinti, 347.