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Kreusa erkennt; selbst in den politisch und psychologisch tiefsinnigengeschichtlichen Tragödien, wie im „Bruderzwist in Habsburg", inder Meistercharakteristik „Rudolfs", in dessen Herzen neben Ver-bitterung, Groll und Sorge, neben der beleidigten Liebe zurMenschheit und zum Volke auch noch die schelmische, neckischeLiebenswürdigkeit Raum findet — überall finden sich, nicht nurvereinzelt, wie wir sie anzudeuten versuchten, sondern durchgehenddiese Züge einer gemütvollen Kleinmalerei, die nirgends kleinlichwerden, weil sie gerade durch die feine, zarte Berührung der Ge-mütssaiten uns das Große menschlich näher bringen, ohne esherabzuziehen. Eine unsäglich anheimelnde Milde spricht ausdieser Auffassungsweise, welche die Idylle in die Welt des Tragi-schen einführt; eine souveräne Freude am Natürlichen, die wirin einer ähnlichen, aber nicht gleichen Färbung nur noch beieinem einzigen Dramatiker antreffen, nämlich bei Heinrich vonKleist. Aber diese Ähnlichkeit ist, wie gesagt, nicht GleichheitBei Kleist sind diese überraschenden kleinen Züge der Naivetätjäher und herber, bei Grillparzer lieblicher und milder. Amschönsten und einheitlichsten offenbart sich dieser echt GrillparzerscheStil, wie wir ihn Wohl jetzt schon nennen dürfen, in der Auf-fassung des Dichters von antiken Stoffen. So viel hier Grill-parzer durch Goethe vermittelt erhielt, so geht doch eine ganzeigentümliche Beleuchtung dieser Mythenwelt von ihm aus. Dcrnaiven Hoheit stellt er in dieser Sphäre mit Vorliebe die idyllischanmutige Naivetät zur Seite, wie die Melitta der Sappho odergar: er mischt diese Züge zu wunderbarer Einheit wie in derHero, von der man sagen kann, sie betet wie Jphigenie und sielächelt wie Nausikaa.
Fassen wir zunächst die phantastischen Dramen Grillparzersins Auge, so bethätigt sich, wie schon erwähnt, mittelbar undunmittelbar der Einfluß der Spanier, die Grillparzer früh zustudieren begann, die ihm aber in der allerersten Periode seinerEntwicklung auch durch Müllner, dessen in spanischen Rhythmengehaltene Schicksalstragödie „die Schuld" und durch die An-