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Untersuchung der Thierreste aus den Pfahlbauten der Schweiz / Dr. L. Rütimeyer
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Auch dieses Thier lebte, wie seine in jiingern Erdschichten häufig gefundenen Schädel i ) beweisen,in Italien und den Pyrenäen, ja selbst an der Nordküste Afrikas, 2 ) ferner in den Ardennen und Vogesen ,im Schwarzwald, 3 ) in England und Schottland, in Holland, Litthauen, Norddeutschland, Dänemark undScandinavien und zwar in Ost- und Nord-Europa häufiger als der Bison; dass es ein Zeitgenosse desMenschen war, was Bojanus zu verneinen gesucht, beweist mit Evidenz das Dolchspuren tragendeSkelet des Ur in Lund und neuerdings die Reste desselben Thiers in den Pfahlbauten der Schweiz . 4 )ln Deutschland muss es nach den Nachrichten von Ilerberstain um die Mitte des sechszehnten Jahr-hunderts als wildes Thier verschwunden sein.

Das Vorkommen des Bison und des Ur als wilde Jagdthiere gleichzeitig mit grossen Heerdenvon zahmem Rindvieh in der Pfalilperiode würde der oft gehörten Ansicht, dass unser Hausvieh derAbkömmling des Ur sei, durchaus nicht günstig sein, selbst wenn die sehr bedeutenden Verschieden-heiten im Körperbau dieser wilden und der zahmen Race nicht schon von vornherein gegen eine sonahe Verwandtschaft Zeugniss redeten. Allein auch diese wichtigen Zeugnisse sind für sich sprechendgenug. Wenn es allgemein bekannt ist, dass der Bison ein äusserst wildes Thier ist, das gegen unserHausvieh die entschiedenste Feindschaft zeigt, 5 ) so dass auch ohne die sehr grosse Verschiedenheit inFarbe, Bekleidung, Körperform, Hornbeschaffenheit und Skeletbau eine Abstammung unsers Hausviehesvom Bison auf das Entschiedenste verneint wird, so war es sehr natürlich, dass schon die Angabeder wenigen Schriftsteller, welche den Urus lebend sahen oder durch Augenzeugen schildern hörten,wie Cäsar, Herberstain, Gesner (durch Bonarus und Schneeberger), dass der Urus dem Hausrind mitAbsehen von Farbe und Grösse in allen Theilen ähnlich sei, der Ansicht rasch Verbreitung gab, dassder Ur der Stammvater unsere Rindviehes sei. Diese Ansicht wurde von zoologischer Seite am ent-schiedensten ausgesprochen von A. Wagner, der direct den Ur zur Species des gemeinen Rindes,ßos Taurus rechnet, zwar nicht als Stammrace, sondern nur als eine verwilderte Race, die sich demHausstand, vielleicht schon in uralten Zeiten, entzogen habe, 6 ) daher der besondere Name Bos Urusoder primigenius zu streichen sei. 7 ) Es ist auch diese Annahme in der nicht selbstständigen Litteraturso ziemlich geläufig geworden und schien hauptsächlich durch die Angabe der Anatomen, dass dieSchädelbildung beider weit ähnlicher sei als zwischen Bison und Hausvieh, genügend gestützt.

Trotz dieser Aehnlichkeit, die indess Bojanus nicht hinderte, für den Ur eine besondere Specieszu begründen und zwar, wie wir mit Hülfe der Reste von Moosseedorf von Neuem zu belegen hoffenmit vollem Recht trotz dieser Aehnlichkeit mussten indess Zweifel anderer Art genug übrig bleiben,wovon besonders zwei nahe liegen konnten.

Erstlich das allbekannte Hinaufsteigen der Zähmung des Rindviehes in ein äusserst hohes Alter-

1) Dieselben werden aufgezählt bei Bojanus. Die vollständigsten Reste sind zwei Skelete in Lund und das unter Aufsieht

Götlics bei Hassleben in Thüringen ausgegrabene Skelet des Jenaer -Museums. (S. Göthe, zur Naturwissenschaft, besonderszur Morphologie, Artikel: Zweiter Urstier.) ~) Gervais, Zoologie et Paleontologie fran^aises. 184852. Note zu pag. 187.

3) Knochen von Kandem im Museum von Basel. 4 ) Der Canton Uri hiess früher »ad Uros«, und im Simmenthal hiessen

nach Stumpfs Chronik noch lange die Stiere »Uren«. (S. Steinmüller, Alpina I. 180G. pag. 112.) 5 ) Bojanus , a. a. 0.

<>) A. Wagner, a. a. 0. pag. 1575. 7 ) Ebendaselbst pag. 1494.