»68
xiv. Fragment.
„Dieser Jude hat nicht den mindesten Respect für seine Obrigkeit und seine Lehrer — Er„peitscht die Leute mit Stricken, die ihm wohl.nie was zu Leide gethan! Er geht zu Gaste,„wo man ihn nur haben will, und laßt sichs wohl seyn. Er ist ein rechter Handelsiifter! Neuer-lich sagte er selbst zu seinen Consortcn: Ich bin nicht gekommen Friede zu senden, sondern
„das Schwerdt! "-Welch ein Urtheil werdet ihr hier aus etlichen Handlungen fallen?
Stellet hingegen den Mann vor euch hin, nur wie ihn — nicht Raphael, nicht der größte Mah-ler, nur wie ihn etwa ein Holbein sich gezeichnet hat; habt nur ein wenig physiognomischcs Ge-fühl; o mit welcher überschwenglichen Sicherheit und Richtigkeit werdet ihr gerade das Gegentheilaus seinem Anblick urtheilen? —
Kurz: man überlege das wohl: wie vielmehr die Physiognomie einen ganzen Menscher»einem geübten Auge zeigt und darstellt; wie lautsprechend und wie richtig sprechend, welch ein le-bendiger tausendzüngiger Ausdruck des ganzen Jnnwendigen der Mensch ist, der vor Euch — dasteht; — So wird man gewiß des unbesonnenen und unrichtigen Richtens und Urtheilens halbergewiß nicht mehr, wohl aber weit weniger von der Physiognomik zu besorgen haben', wenn diesedas Glück haben sollte, allgemein zu werden und das Gefühl der Menschen mehr zu schärfen.
H.
Der andere Vorwurf, den man der Physiognomik macht, ist dieser: „Sie vereitle den„Menschen noch mehr, indem sie ihn reize, nur deswegen gut zu werden, um schön zu seyn."
Wie du dieß oben sagtest, Beschützer der Unschuld, o wie war's so hinreißend gesagt! aber,wie leid es mir auch thue, ich muß dir sagen: „daß dein Ideal aus einer Unschuldswelt herabge-„ griffen ist, und nicht in unsere Welt paßt."
Die Menschen, die du bessern willst, sind nicht Kinder, die gut sind und nicht wissen, daßsie's sind. Es sind Menschen, die Gutes und Böses durch Erfahrung unterscheiden lernen sollen;Menschen, die, um vollkommen zu werden, nothwendig ihr Böses, und hiemit ganz gewiß auchihr Gutes kennen müssen. Laß neben dem Triebe edler Güte, das Verlangen nach dem Wohlge-fallen der Gutm immer auch mitwirken, immer eine Stütze — wenn du willst, eine Krücke mensch-licher Tugend seyn; laß dm Menschen immerhin erkennen und fühlen, daß Gott das Laster mit
Häßlich-