172
III. Abschnitt. I. Fragment.
Proportion der Theile, die sogleich auffallt, und nicht mühsam gesucht werden darf. DieseProportion zeigt Grundruhe, Grundstarke-Sodann — Umrisse aller Theile, die we-
der geradlinigt noch zirkelbogig sind; gerade scheinen und sich dennoch wölben — bogig scheinenund dennoch der geraden Linie nahe kommen. Drittens — Harmonie, unangesirengter Inein-anderfluß aller Umrisse rmd aller Bewegungen.
6 .
Eine so schöne Seele, wie Raphacls war, in einem so schonen Körper wurde erfordert, den wahrenCharakter der Alten in neuem Zeiten zuerst zu empfinden und zu entdecken.
7 -
Ein schönes Gesicht gefallt; aber es wird mehr reizen, wenn es durch eine gewisse überdenkende Mieneetwas ernsthaftes erhält. Das Alterthum selbst scheint also geurtheilt zu haben; ihre Künstler haben diese Mie-ne in alle Köpfe des Antinous gelegt; die mit den vorder» Locken bedeckte Stirn desselben giebt ihm dieselbenicht. Man weiß ferner, daß dasjenige, was bey dem ersten Augenblicke gefällt, nach demselben vielmalsaufhöret zu gefallen; was der vorübergehende Blick hat sammeln können, zerstreuet ein aufmerksames Auge,und die Schminke verschwindet. Alle Reizungen erhalten ihre Dauer durch Nachforschung und Ueberlegung,und man sucht in das verborgene Gefällige tiefer einzudringen. Eine ernsthafte Schönheit wird uns niemalsvöllig satt und zufrieden gehen lassen; man glaubt beständig neue Reizungen zu entdecken, und so sind Raphaclsund der alten Meister ihre Schönheiten beschaffen: Nicht spielend und liebreich — aber wohlgebildet und erfül-let mit einer wahrhaften und ursprünglichen Schönheit. — Ich glaube, daß jedermann dieß unterschreiben
würde, wenn statt Reiz, Größe stünde. Reiz ist immer etwas liebreiches, spürbar anzie-hendes.
8 .
Don der Kunst der Griechen.
Raphael schreibt an seinen Freund, den berühmten Grafen Balthasar Eastiglione, da er die Ga-lathea in der Farnesina mahlen sollte: Um eine Schöne zu wählen, müßte man schönere sehen, weilaber schöne Weiber selten sind, bediene ich mich einer gewissen Idee, die mir meine Einbildung giebt.Die Idee des Kopfes seiner Galathca aber ist gemein, und es finden sich an allen Orten schönere Weiber.Guido schrieb an einen römischen Prälaten, da er seinen Erzengel Michael zu mahlen hatte: Ich hatte eineSchönheit aus dem Paradiese gewünschet, für meine Figur, lind dieselbe im Himmel zu sehen; aberich habe mich nicht so hoch erheben können, und vergebens habe ich dieselbe auf der Erde gesucht. —
Gleichwohl